Ein Leitbild, die Haniel Stiftung prägt – der ehrbare Kaufmann
© Alexander Muchnik
Ein Leitbild, das Unternehmen und Stiftung prägt

Der ehrbare Kaufmann

Für Haniel und die zum Familienunternehmen gehörende Stiftung stellt das Ideal des ehrbaren Kaufmanns den Wegweiser für erfolgreiches und langfristiges sowie nachhaltiges Wirtschaften gerade auch in einer zunehmend vernetzten Welt dar.

Während heute eine unterschiedliche Anzahl von Sternen auf Onlineportalen Waren bewertet oder auch Hinweise auf die Qualität von Produkten und Dienstleistungen gibt, stand den Kunden im Mittelalter in dieser Hinsicht im Wesentlichen nur eine Quelle der Information zur Verfügung: der Händler, der seine Ware anpries, mitsamt seiner Reputation. Oft waren die Kaufleute auf ihren Handelsreisen aber Fremde, und andere Vergleichsinstrumente existierten nicht. Die Folge: Mangelndes Vertrauen der potenziellen Kunden hemmte die Geschäftstätigkeit immens.

Zur Vertrauensbildung konnten die Kaufmannsgilden beitragen, die auch Leitlinien für gutes unternehmerisches Handeln formulierten. Wer einer dieser Vereinigungen beitrat, musste nach ihrem Kodex agieren. So konnten Kaufleute sich mit dem guten Ruf ihrer Gilde schmücken und das Vertrauen von Kunden entsprechend schneller gewinnen. Wer gegen die Werte und Grundsätze verstieß, wurde ausgeschlossen.

Und noch etwas kam hinzu: Wirtschaftliche Tätigkeit setzte Bildung voraus. In der Struktur der mittelalterlichen Gesellschaft war der Kaufmann daher häufig nicht nur Wirtschaftstreibender, sondern auch Entdecker und Geschichtenschreiber. Man denke etwa an Marco Polo. In freien Städten engagierte der Händler sich meist zudem für das Gemeinwesen. Entsprechend genoss er unter den Bürgern großes Ansehen, das er insbesondere den Tugenden eines ehrbaren Kaufmanns verdankte. Zu diesen Werten zählen bis heute Fleiß, Disziplin, Bescheidenheit, Integrität, Ehrlichkeit, Anstand und Weitsicht.

Portrait von Franz Haniel
© Haniel

Franz Haniel stiftete im Jahr 1856 eine Schule in Duisburg-Ruhrort und richtete einen Fonds für Eltern begabter Kinder ein, die sich das Schulgeld nicht leisten konnten.

Vor knapp 200 Jahren hat Franz Haniel, der Enkel des Unternehmensgründers, seine Entscheidungen auch auf Basis solcher Tugenden getroffen. Mit der Einführung der ersten Betriebskrankenkasse in Deutschland, dem Bau von Arbeitersiedlungen und der Stiftung einer Schule in Duisburg-Ruhrort hat er seine Verantwortung gegenüber seinen Mitarbeitern und seiner Umgebung wahrgenommen, ohne seine unternehmerischen Ziele aus den Augen zu verlieren. So schloss das eine das andere nicht aus, sondern ergänzte sich: Für Haniel war eine gesunde Belegschaft notwendig, die dauerhaft gute Leistungen erbringen konnte. Wer jedoch morgens schon einen langen Fußweg zur Arbeitsstätte zurücklegen musste oder ständig krank war, der tat weder sich selbst noch dem Betrieb einen Gefallen.

Wert schaffen durch die Beachtung von Werten – das ist bis heute die Basis für das Selbstverständnis von Haniel. Die von Franz Haniel aufgenommenen Tugenden des ehrbaren Kaufmanns spielen im Unternehmen noch immer eine wichtige Rolle. Jutta Stolle achtet als Direktorin für Gesellschafter und Nachhaltigkeit auf die Wahrung und Entwicklung dieser Leitlinien im Betrieb im Rahmen der Corporate Responsibility. Daneben ist die Stiftung eine wertvolle Einrichtung, mit der Haniel seine gesellschaftliche Verantwortung wahrnimmt und unter der Leitung von Geschäftsführer Dr. Rupert Antes Programme in den Bereichen Nachwuchsförderung und Bildungschancen erarbeitet.

Sowohl im Firmenalltag als auch in der Stiftungsarbeit zeigt und bewährt sich, wie Haniel die Werte des ehrbaren Kaufmanns seit 260 Jahren lebt, sie transportiert und weiterentwickelt: Fachwissen stärken und über den Tellerrand schauen; den Gewinn im Blick haben, ohne die Belegschaft oder die Gesellschaft aus den Augen zu verlieren; die Starken so fördern, dass auch die Schwachen davon profitieren; sich auf die traditionellen Werte stützen, ohne die Zeichen der Zeit zu ignorieren.

Geschäftsführer Dr. Rupert Antes
© Alexander Muchnilk

Die Stiftung ist eine wertvolle Einrichtung, mit der Haniel seine gesellschaftliche Verantwortung wahrnimmt und unter der Leitung von Geschäftsführer Dr. Rupert Antes Programme in den Bereichen Nachwuchsförderung und Bildungschancen erarbeitet.

Fachwissen stärken – über den Tellerrand schauen

Umfassende Bildung erweitert wirtschaftliches Fachwissen – dies ist heute die zentrale Leitlinie bei den Förderprogrammen der Haniel Stiftung, zum Beispiel an der Harvard University in Boston. „Eine der Veranstaltungen, die mir besonders in Erinnerung geblieben ist, ist der Kurs ‚Moral Leader’. Diese Vorlesung behandelte moralische Dilemmata und Entscheidungsprozesse literarischer Figuren und historischer Persönlichkeiten wie Antigone, Othello und Harry Truman“, erzählt Stipendiat Hauke Rapold über seine Teilnahme an diesem Kurs an der Harvard Business School in Boston.

Geistes- und sozialwissenschaftliche Inhalte genießen auch an einer der wichtigsten Wirtschaftshochschulen in Europa, der Universität St. Gallen (HSG), einen hohen Stellenwert. Beim sogenannten „Kontextstudium“ verbringen Studierende der Wirtschaftswissenschaften ein Viertel ihrer Zeit mit Kursen aus Soziologie, Psychologie, Kunst oder Literatur. Seit 2001 fördert die Haniel Stiftung das Programm, weil sich auch darin das Ideal des ehrbaren Kaufmannes widerspiegelt.

Diese Verbindung von wirtschaftlichen und sozialökologischen Perspektiven wurzelt im Familienunternehmen Haniel, wo sie ein fester Bestandteil der Betriebskultur ist. Jutta Stolle erklärt: „Wenn wir Unternehmen kaufen, finden sich in den Auswahlkriterien nicht nur harte Zahlen, sondern auch weiche Faktoren. Unser ausgefeiltes Compliance-Modell etwa enthält nicht nur juristische, sondern auch ethische und soziale Fragen.“

Erfolg, ohne die Gesellschaft aus den Augen zu verlieren

Die werteorientierten Unternehmerinnen und Unternehmer der Zukunft wollen auf verantwortungsvolle Weise Gewinne erzielen, ohne dabei gesellschaftliche Interessen zu verletzen. Damit wenden sie sich von einem Unternehmerbild ab, das unter Wirtschaftskrisen und Firmenskandalen sehr gelitten hat. Aus diesem Grund will die Haniel Stiftung zeigen, dass ökonomischer Erfolg und Gemeinwohlinteresse sich nicht widersprechen. Darum sind für die Stiftung bei der Auswahl der zu fördernden Personen verschiedene Aspekte wie Kreativität, Engagement und Nachhaltigkeit ausschlaggebend. „Uns ist wichtig, ob und wie der Bewerber sich neben seinem Studium gesellschaftlich einsetzt“, sagt Rupert Antes, Geschäftsführer der Haniel Stiftung.

Einer, der diese Kriterien erfüllt, ist Frederic Rupprecht. Der 24-Jährige hat für sein Aufbaustudium „Public Policy“ an der Harvard Kennedy School im amerikanischen Cambridge Unterstützung durch die Stiftung erfahren. Sein dort erworbenes Wissen setzt er bereits zum Wohl von Umweltschutz und Nachhaltigkeit in dem von ihm mitgegründeten Start-up betterRe! ein. Mit seinem Unternehmen will er die klimaschädliche Batterieindustrie umkrempeln und die Verbreitung von Akkus durch größere Benutzerfreundlichkeit steigern. „Menschen messen einem kurzfristigen Gewinn oft einen hohen Wert bei, ohne jedoch dabei die negativen Effekte – die irgendwann in der Zukunft daraus folgen – richtig abschätzen zu können. Gerade in Zeiten des Klimawandels möchte ich dieses Verhalten im betrieblichen Kontext verändern“, so der Jungunternehmer.

Rupprecht will mit betterRe! also mehr bewirken, als nur Gewinne zu erwirtschaften. Das hat sein Start-up mit Haniel, einem der größten Unternehmen in Europa, gemeinsam. Bei Haniel hat es schon Entscheidungen gegen den Kauf von Firmen gegeben, wenn zu viele ökologische Fragen offengeblieben sind. „Die Wirkung der ökologischen Fehlschläge war für uns wichtiger als der Ausblick, in dem Bereich die Nummer eins zu werden“, sagt CR-Beauftragte Jutta Stolle überzeugt. „Natürlich sind wir in erster Linie ein Wirtschaftsunternehmen, das profitabel sein muss“, erklärt sie, „aber eben nicht um jeden Preis“.

Das Engagement des Familienbetriebs zeigt eines ganz deutlich: Bei Corporate Responsibility in der Tradition des ehrbaren Kaufmanns geht es nicht darum, dass Firmen gute Taten vollbringen, die nichts mit dem Kerngeschäft zu tun haben. Wenn die eigentliche Wertschöpfung und Corporate Responsibility völlig entkoppelt sind, suggeriert das, dass ein Betrieb nicht verantwortungsvoll und zugleich wirtschaftlich erfolgreich geführt werden kann. Unternehmerische Verantwortung besteht jedoch nicht in allgemeiner Wohltätigkeit, sondern darin, durch gezielte Investitionen Wert und Werte zu schaffen, die wirtschaftlich sinnvoll und nützlich für die Gesellschaft sind.

Die Starken so fördern, dass auch die Schwachen davon profitieren

Anstatt nur in Quartalen denkt man bei Haniel seit jeher in Generationen. So stiftete Franz Haniel im Jahr 1856 eine Schule in Duisburg-Ruhrort und richtete einen Fonds für Eltern begabter Kinder ein, die sich das Schulgeld nicht leisten konnten. Er wollte den Gedanken, dass sich Bildung als langfristige Investition lohne, im Wertekosmos von Haniel verankern: Wer in Bildung einzahlt, der darf keine schnellen Ergebnisse erwarten, aber er sichert damit den langfristigen Erfolg.

Auch heute hat die Stadt Duisburg einen besonderen Stellenwert für Haniel. „Hier sind wir zu Hause, hier sind unsere Wurzeln, hier sind wir groß geworden. Wir haben hier viel bekommen und wollen daher einiges zurückgeben“, sagt Jutta Stolle auf die Frage, warum sich Unternehmen und Stiftung am Standort so sehr einsetzen. Die direkte Umwelt eines Betriebs hat großen Einfluss auf den wirtschaftlichen Erfolg. Daran hat sich seit dem ehrbaren Kaufmann vergangener Jahrhunderte nicht viel geändert. Die Philosophie der gesellschaftlichen Verantwortung für den Standort wird daher an die Geschäftsbereiche in aller Welt weitergegeben.

Immer wieder kommen Stipendiaten mit innovativen Ideen zur Lösung sozialer Probleme und damit auch Ideen für neue Sozialunternehmen von ihren Auslandsaufenthalten zurück. Einige davon setzen sie auch im Bildungsbereich um.

Dr. Rupert Antes, Geschäftsführer der Haniel Stiftung

Die Stiftung wiederum begreift das Thema in zwei Dimensionen: zum einen lokal im Engagement für Bildungschancen im Raum Duisburg-Ruhrort, zum anderen global im Fokus auf Auslandsaufenthalte für geförderte Stipendiatinnen und Stipendiaten. Die von der Stiftung geförderten Nachwuchsführungskräfte haben schließlich auch die Bildungschancen benachteiligter Jugendlicher im Blick, weiß Stiftungs-Geschäftsführer Rupert Antes aus Erfahrung. „Immer wieder kommen Stipendiaten mit innovativen Ideen zur Lösung sozialer Probleme und damit auch Ideen für neue Sozialunternehmen von ihren Auslandsaufenthalten zurück. Einige davon setzen sie auch im Bildungsbereich um.“

Als Beispiel nennt er Elisabeth Heid, die im Rahmen des von der Stiftung geförderten McCloy-Stipendienprogramms Public Administration an der Harvard Kennedy School studiert hat. Sie ist Mitgründerin der Bildungsinitiative Teach First Deutschland, die zum Abbau von Bildungsbarrieren für benachteiligte Kinder und Jugendliche beitragen möchte. Die Stiftung kann dadurch auf Kontakte aus dem Alumni-Netzwerk zurückgreifen, wenn sie Kooperationspartner für ihre Projekte im Bildungsbereich sucht. So ist Teach First Deutschland eingebunden in das von der Haniel Stiftung ins Leben gerufene Projekt „Bildung als Chance“ im Raum Duisburg.

Sich auf traditionelle Werte stützen, ohne die Zeichen der Zeit zu ignorieren

Fleiß, Disziplin, Bescheidenheit – ein wenig altmodisch klingen sie, diese Begriffe, die eingangs als die Tugenden eines ehrbaren Kaufmanns beschrieben wurden. In Zeiten der Generation Y sind sie aber brandaktuell. „Viele junge Leute legen heute mehr Wert darauf, für welches Unternehmen sie arbeiten“, sagt Rupert Antes. Für jene unter ihnen, die selbst als Wirtschaftstreibende am gesellschaftlichen Wandel mitwirken wollen und die Verpflichtungen nicht scheuen, setzt die Stiftung sich ein. Nur wenn es auch zukünftig Unternehmer gibt, die Aufgaben und Verantwortung für die Gesellschaft übernehmen, werden sich Lösungen für die sozialen Herausforderungen finden lassen, die Digitalisierung und Globalisierung darstellen.

So wird eine Brücke von der Vergangenheit zur Zukunft geschlagen: Ebenso wie für den ehrbaren Kaufmann früherer Zeiten sind moralische Werte heute die Basis für langfristigen Unternehmenserfolg. Diese Werte sind schnell formuliert, aber unter dem Zeit-, Kosten- und Wettbewerbsdruck einer globalisierten Wirtschaft schwer zu leben. Dafür braucht es profunde Kompetenzen, deren Vermittlung im Zentrum der Nachwuchsförderung der Haniel Stiftung steht.

„Neben der Digitalisierung ist die Globalisierung sicherlich die größte Herausforderung für Unternehmen“, meint Jutta Stolle. Wenn die Netze immer größer werden, verlieren staatliche Steuerungsmaßnahmen an Einfluss. Umso wichtiger ist es, dass Betriebe im Rahmen der Leitsätze des ehrbaren Kaufmanns auf verantwortungsvolle Weise handeln. Dadurch sichern sie sich eine bedeutende Grundlage für einen langfristigen und nachhaltigen Geschäftserfolg.

Von Haniel Stiftung