German American Conference at Harvard 2015
©Haniel Stiftung
Deutsch-amerikanischer Austausch

Die neue Generation der transatlantischen Beziehungen

Der deutsch-amerikanischen Freundschaft liegt eine breite historische Basis zugrunde. Ewig wird das Verhältnis der Länder davon aber nicht zehren können. Wie das McCloy-Programm die Zukunft der transatlantischen Beziehungen mitgestaltet.

Eine Woche bevor Außenminister George C. Marshall am 5. Juni 1947 in Harvard die Ehrendoktorwürde verliehen werden sollte, meldeten sich seine Mitarbeitenden bei der Universität. Der Minister würde bei dem Anlass gerne eine Rede halten. Knapp zwölf Minuten brauchte Marshall für seine 1200 Worte, die er beim traditionellen Treffen der Harvard Alumni Association an die Anwesenden richtete. Dabei zeigte sich Marshall zunächst überwältigt und sprach seine Dankbarkeit für den verliehenen Ehrentitel aus, ehe er seine vorbereitete Rede begann: „Ich brauche Ihnen, meine Herren, nicht zu sagen, dass die Weltlage sehr ernst ist.“ Was folgte, war eine vage Beschreibung des Rahmens, innerhalb dessen sich das European Recovery Program (ERP) entwickeln sollte, das als Marshallplan bekannt wurde. Der 5. Juni 1947 darf als Geburtstag eines Programms gelten, das den Grundstein für die positive europäische Entwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg legte.

Plakat der Marshallplan Hilfe 1949
© Bundesarchiv | Quelle

Dass der Marshallplan aber nicht nur den wirtschaftlichen Aufschwung in Europa Ende der 1940er-Jahre ermöglichte, sondern auch die Grundlage für eine transatlantische Freundschaft zwischen Deutschland und den USA bildete, ahnten damals wohl nicht einmal diejenigen, die das Programm in all seinen Details ausgearbeitet hatten. Selbst wenn die USA mit dem Marshallplan nicht ganz uneigennützig handelten – zum einen war ein wirtschaftlich stabiles Europa ein guter Absatzmarkt für amerikanische Produkte, zum anderen sollte auf diese Weise der Einfluss der kommunistischen Sowjetunion zurückgedrängt werden: Der Beitrag des Hilfsprogramms zum Wiederaufbau und zur europäischen Integration ist ebenso unbestritten wie die Tatsache, dass es den Beginn der deutsch-amerikanischen Beziehungen markierte.

McCloy und die junge Bundesrepublik

Dabei war es ganz und gar nicht selbstverständlich, dass die USA sich zur internationalen Ordnungsmacht entwickelten und das besiegte Deutschland darin unterstützten, wirtschaftlich wieder auf die Beine zu kommen. Eine Person, die bei der Umsetzung des Marshallplans eine zentrale Rolle spielte und in historischen Texten zur Gründung der Bundesrepublik in einem Atemzug mit Konrad Adenauer genannt wird, war John Jay McCloy. Der Jurist und Diplomat setzte sich dafür ein, dass nicht der Morgenthauplan, der die Deindustrialisierung Deutschlands vorsah, sondern der Marshallplan mit seinen wirtschaftlichen Impulsen zum Einsatz kam.

„McCloy selbst, dies haben die Deutschen erkannt, hat mehr als irgend jemand dafür gearbeitet, die Bonner Republik von einem besiegten Feind zu einem benötigten Freund zu machen.“ Mit diesen Worten fasste die New York Times sein Wirken zum Ende seiner Zeit als Hochkommissar von 1949 bis 1952 zusammen. McCloy rief die Besatzungsmächte dazu auf, die Deutschen nicht wie Untergebene zu behandeln, sondern sie zur Kooperation anzuspornen. Er förderte die Beziehungen der Nachbarstaaten Deutschland und Frankreich und war an der Entstehung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl beteiligt, die als Vorläuferorganisation der Europäischen Gemeinschaft gilt. Selbst den NATO-Beitritt Deutschlands, der – nur zehn Jahre nach Kriegsende – unter anderem eine Wiederbewaffnung des Landes bedeutete, unterstützte er. Seine Verbindungen zu deutschen Politikern der Nachkriegszeit stärkten das transatlantische Verhältnis nachhaltig.

McCloy (...) hat mehr als irgend jemand dafür gearbeitet, die Bonner Republik von einem besiegten Feind zu einem benötigten Freund zu machen.

New York Times, 18.7.1952

1981 schrieb der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt in einem Gastbeitrag in der Zeitschrift Foreign Affairs: „Abgesehen von unserer geschichtlichen und kulturellen Verbindung sind es die menschlichen Bande, die beide Seiten des Atlantik verknüpfen. Eine große Schnittmenge bei politischen und sozialen Werten bildet heute die gute Basis für unsere Freundschaft.“ Wenn PolitikerInnen aus Deutschland und den USA bis heute diese geteilten Werte betonen, dann auch, weil der einstige Hochkommissar McCloy den bilateralen Austausch nicht auf wirtschaftliche Fragen beschränkte: Er war sowohl an der Neugründung der Freien Universität Berlin als auch an der Schaffung akademischer Austauschprojekte für JournalistInnen, PolitikerInnen, und GewerkschafterInnen beteiligt.

Die Anfänge des McCloy-Programms

Unterstützt wurde er dabei von Shepard Stone, der als Sonderberater für den Aufbau einer demokratischen Presse im Nachkriegsdeutschland zuständig war. Stone war es schließlich auch, der sein umfassendes Netzwerk ab Ende der 1970er-Jahre dafür nutzte, eine Studienförderung auf die Beine zu stellen, die bis heute als Vorbild für viele internationale Förderprogramme gilt. Er benannte sie nach jener Person, die einen großen und wichtigen Teil ihres politischen Lebens den deutsch-amerikanischen Beziehungen widmete: John Jay McCloy.

Der Jurist und Diplomat, John McCloy, setzte sich nach dem zweiten Weltkrieg für den wirtschaftlichen, kulturellen und wissenschaftlichen Wiederaufbau Deutschlands und die transatlantischen Beziehungen ein.
© Yoichi R. (Yoichi Robert) Okamoto | Quelle

Der Jurist und Diplomat, John McCloy, setzte sich nach dem zweiten Weltkrieg für den wirtschaftlichen, kulturellen und wissenschaftlichen Wiederaufbau Deutschlands ein.

So erfolgreich dieses Programm von Beginn an war: Die Benennung löste auch einigen Widerstand aus. Viele HistorikerInnen sehen McCloy bis heute kritisch, weil er sich während des Krieges als stellvertretender Verteidigungsminister der USA dagegen aussprach, Bahnstrecken zu Konzentrationslagern zu bombardieren. Darüber hinaus wurde ihm seine Nachgiebigkeit gegenüber belasteten und zum Teil verurteilten Wirtschaftsführenden vorgeworfen. McCloy hingegen wollte deren Erfahrungen und Kenntnisse möglichst schnell in die Wirtschaft der jungen Bundesrepublik integrieren. James Cooney, der erste Direktor des McCloy-Programms, reagierte auf den Protest so, wie es typisch in Harvard ist: Er gab diesen Diskussionen Raum. Die Kontroverse beruhigte sich, und beide Seiten konnten sich auf die Gestaltung des Programms konzentrieren.

Zentral für dessen Gelingen war die Finanzierung, die zunächst für fünf und später für insgesamt zehn Jahre von der Volkswagen-Stiftung zugesichert wurde. In diesem Zusammenhang berichtet Cooney in einem Aufsatz von zahlreichen Unstimmigkeiten zwischen den GeldgeberInnen und VertreterInnen der Harvard University. Viele Diskussionen mussten geführt werden, weil die MacherInnen des McCloy-Programms zu wenig über die Situation der jeweiligen Gegenseite wussten. Zum einen war den GeldgeberInnen in Deutschland das amerikanische Universitätssystem fremd: Sie mussten erst dessen extreme Dezentralisierung verstehen und einsehen, dass ihre Forderung nach einem separaten Studienplan für McCloy-StipendiatInnen nicht erfüllt werden konnte. Zum anderen konnten die VertreterInnen der Universität anfangs nur wenig Verständnis dafür aufbringen, dass das Auswahlkomitee auch universitätsferne Mitglieder enthalten sollte. Die MacherInnen kämpften also mit genau jenen Schwierigkeiten, die durch den Austausch, über den sie gerade verhandelten, eingedämmt werden sollten: Missverständnisse in der transatlantischen Zusammenarbeit.

Deutschland und USA teilen sich Finanzierung

1983 war es so weit: Die ersten StipendiatInnen des McCloy Academic Scholarship Program nahmen ihr Studium an der renommierten Harvard University auf. Das Programm prägte nicht nur die TeilnehmerInnen, sondern auch die Harvard Kennedy School, die zu der Zeit noch eine sehr junge Einrichtung war, wie sich der damalige Dekan Graham Allison erinnert. „Das deutsche McCloy-Programm stellte mit seiner Signalwirkung den gelungenen Transfer einer europäischen Bildungsidee an einer archetypischen amerikanischen Universität dar. Die jungen und vielversprechenden Führungskräfte, die aus verschiedenen Ländern an unser Institut kommen, beflügeln uns als Ausbildungsstätte zu weiteren und besseren Leistungen“ – so drückte er es in einem Aufsatz über die Entstehung des Programms aus.

„Heute ist die Harvard Kennedy School die weltweit führende Einrichtung, an der zukünftige Führungspersönlichkeiten aus zahlreichen Nationen für Aufgaben im öffentlichen Sektor auf höchstem akademischem Niveau ausgebildet werden“, sagt Mathias Risse, der heutige Direktor des McCloy-Programms. Der gebürtige Paderborner lehrt als Full Professor of Philosophy and Public Policy an der als Harvard Kennedy School bekannten John F. Kennedy School of Government und kennt die McCloys wie kein anderer. Seit rund 15 Jahren begleitet er die Studierenden auf ihrem Weg von der Auswahl in Deutschland durch die prägenden Jahre an der amerikanischen Eliteuniversität.

Deutsche McCloy-StipendiatInnen in amerikanischen Talaren bei ihrer Graduation 2016
© Haniel Stiftung

Deutsche McCloy-StipendiatInnen in amerikanischen Talaren bei ihrer „Graduation” 2016.

Wegen des großen Erfolgs hat die Harvard University nach 1993 einen bedeutenden Part in der Finanzierung des Programms übernommen. Ein weiterer Teil der benötigten Gelder kommt seither aus dem ERP-Sondervermögen, einem Überbleibsel des Marshallplans. Eine passendere Verbindung zwischen Vergangenheit und Zukunft des transatlantischen Austausches hätte sich kaum finden lassen. Neben dem McCloy-Fonds des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft stellt auch die Haniel Stiftung seit 2002 einen maßgeblichen Anteil der Finanzierung. Sie unterstützt das Programm, weil sie sich der Förderung jener jungen Menschen verpflichtet fühlt, die als verantwortungsvolle BürgerInnen eine Aufgabe für die Gesellschaft übernehmen wollen.

Die Studienstiftung des deutschen Volkes hat das Programm von Beginn an auf deutscher Seite geleitet und geprägt. Sie ist das größte und führende Begabtenförderungswerk in Deutschland. Dr. Annette Julius, Generalsekretärin der Studienstiftung und promovierte Literaturwissenschaftlerin, blickt zurück: „Mit ihrer Expertise in der Auswahl von herausragenden Nachwuchskräften und ihrer herausgehobenen Stellung im deutschen Bildungs- und Wissenschaftssystem war die Studienstiftung die passende Institution auf deutscher Seite für das McCloy-Programm, dessen Positionierung und Bedeutung den angesehenen Rhodes-Stipendien entsprechen sollte.“

Politikwissenschaftler Prof. Dr. Dietmar Herz
© Dietmar Herz

Politikwissenschaftler Prof. Dr. Dietmar Herz gehörte zu einem der frühen Jahrgänge von McCloy-StipendiatInnen. Die transatlantischen Beziehungen beschäftigen ihn bis heute.

230 StipendiatInnen wurden im McCloy-Programm bisher gefördert. Einer von ihnen ist der Politikwissenschaftler Prof. Dr. Dietmar Herz, der von 1987 bis 1989 in Harvard studiert hat. „Das war eine ganz neue Erfahrung von Universität: diese amerikanische Art, zu forschen, der unmittelbare Austausch mit Professoren, die Gastredner.“ Knapp 20 Jahre später gestaltete Herz als Gründungsdirektor der von der Haniel Stiftung geförderten Willy Brandt School of Public Policy in Erfurt, in deren Beirat er bis heute sitzt, selbst ein Universitätsprogramm mit.

Zukunft des transatlantischen Verhältnisses

Kurz nachdem Herz in Harvard erfolgreich graduiert hatte, änderte sich durch die Öffnung des Eisernen Vorhangs auch die Gestalt der transatlantischen Freundschaft. Die Bedrohung, die die USA durch die kommunistische Sowjetunion sahen, hatte sich entschärft. Das wiedervereinigte Deutschland blieb als wichtiger wirtschaftlicher Partner zwar erhalten, doch die Frage der Zusammenarbeit wurde vielmehr eine europäische. Seit der Transatlantischen Erklärung im Jahr 1990 besprechen sich die EU-Kommission und die Führung der USA regelmäßig über globale Konflikte und Stabilität ebenso wie über Ökonomiethemen.

Mit den offen ausgesprochenen Zweifeln der seit Januar 2017 amtierenden US-Administration an einem Bündnis wie der NATO oder der Abkehr vom Freihandelsabkommen TTIP scheinen diese Grundmauern aber Risse zu bekommen. „Die USA werden sich in den kommenden Jahren verstärkt auf die Innenpolitik konzentrieren und ihr internationales Engagement zurückfahren“, prognostiziert Politologe Herz vorsichtig. Es bleibe abzuwarten, wer in den frei werdenden Räumen dann als Ordnungsmacht auftrete.

Um das transatlantische Verhältnis sicher durch diese unruhige Zeit zu bringen, kommt dem Kontakt zwischen Deutschland und Amerika auf anderen Ebenen große Bedeutung zu. Dafür setzen sich Thinktanks und NGOs wie das Aspen Institute, die Atlantik-Brücke oder der German Marshall Fund ein. Als Kommunikationsplattform wollen sie den Austausch zwischen Europa und den USA lebendig halten. Manche unterstützen Stipendienprogramme für Lernende und Studierende. „Transatlantische Beziehungen, das sind nicht die Münchner Sicherheitskonferenz oder ein Treffen des NATO-Rates. Es geht um Verflechtungen von Sport, Kultur und Forschung. Das ist die Basis, die auch Präsident Trump überleben wird“, meint Herz. Die größte Gefahr für die Beziehungen zwischen Deutschland und den USA sieht er darin, dass durch fehlendes Wissen über das andere Land das Verständnis für die Gegenseite verloren gehen könnte.

Neue Generation deutsch-amerikanischer Verbindungen

Jedes Jahr schärfen und weiten insgesamt etwa 6000 deutsche Studierende bei diversen Austauschprogrammen ihren Blick für die USA und können auf diese Weise einem Abkühlen der Beziehungen entgegenwirken. „Wir McCloys versuchen, den Austausch lebendig zu halten und in eine neue Generation zu tragen“, erklärt Kirsten Rulf, die sich der wichtigen Aufgabe bewusst ist. Die 36-Jährige studiert seit 2015 im Rahmen des McCloy-Programms Public Policy an der Harvard Kennedy School.

Die neue Generation deutscher Studierenden setzt in Harvard sichtbare Zeichen, um zu zeigen, dass das Herz der transatlantischen Freundschaft weiterhin kräftig schlägt. Eines davon ist die jährliche German American Conference at Harvard, ein mehrtägiges Treffen, bei dem ImpulsgeberInnen aus Politik und Wirtschaft von beiden Seiten des Atlantiks über aktuelle Herausforderungen diskutieren. Sie entwickle sich langsam zu einer „seriösen transatlantischen Konferenz“, so würdigte das Handelsblatt die Veranstaltung in Harvard, die jährlich von deutschen Studierenden organisiert wird, darunter auch StipendiatInnen des Haniel Stipendienprogramms und des McCloy-Programms. In diesem Jahr wurde auch ein Vortrag mit dem Titel „Quo vadis, transatlantic relations?“ gehalten. Mittendrin: die Studierenden, die nicht nur wertvolle Kontakte und Kenntnisse sammeln, sondern auch die Sichtweise ihrer Generation einbringen.

Bei diesen und weiteren Veranstaltungen in Harvard engagieren sich „McCloys“ wie Kirsten Rulf. Eine Aufgabe, die sie zusätzlich zu den herausfordernden Kursen, Aufgaben und Prüfungen ihres Masterstudiums im Fach Public Policy stemmt. Ist es nicht ein wenig demotivierend, sich für das transatlantische Verständnis einzusetzen, während selbiges auf höchster politischer Ebene kriselt? „Ganz und gar nicht. Deutschland und Europa sind Partner, die hier bei allen Gelegenheiten in den Mittelpunkt gestellt werden. Die neue Regierung im Weißen Haus wird eher als Ausnahme gesehen.“ Zur Zeit der US-Wahlen in Harvard gewesen zu sein beschreibt Rulf als prägend: „Ich habe ein polarisiertes Land erlebt, in dem eine Wahl das Leben der Leute bis ins Private hinein emotional bestimmt hat.“

McCloy-Stipendiatin Kirsten Rulf
© Kirsten Rulf

„Wir McCloys versuchen, den Austausch lebendig zu halten.”, sagt McCloy-Stipendiatin Kirsten Rulf.

Nach der Wahl des republikanischen Präsidenten Donald Trump versuchte Angela Merkel, dem Thema ein wenig Emotionalität zu entziehen. So wie es schon Helmut Schmidt und viele ihrer Vorgänger getan hatten, verwies sie auf die gemeinsamen Werte. „Mit keinem Land außerhalb der Europäischen Union haben wir eine tiefere Verbindung als mit den Vereinigten Staaten von Amerika. Deutschland und Amerika sind durch Werte verbunden: Demokratie, Freiheit, den Respekt vor dem Recht und der Würde des Menschen“, sagte die Bundeskanzlerin im November.

Wenn es um die gemeinsamen Werte gehe, blendeten wir in Deutschland häufig aus, dass unser Bild von Amerika als einem Land, das dem unseren sehr ähnlich scheint, manchmal schief ist. Dietmar Herz deutet auf andersartige Denkweisen und Traditionen hin, die missachtet würden: „Wir Europäer wissen wohl vom Bürgerkrieg im 19. Jahrhundert; dass aber Andrew Jackson und das Denken der Frontier die Amerikaner fundamental geprägt hat, vergessen wir.“ Jackson gründete die Demokratische Partei und stellte sich während seiner Präsidentschaft von 1829 bis 1837 gegen einen elitären und rücksichtslosen Kapitalismus. Er galt als politischer Aufsteiger, der sich nicht auf die vornehme Ostküste fokussierte, sondern für den kleinen Wohlstand des „einfachen Volkes“ kämpfte.

Auch in der Verwendung der Sprache würden Deutsche Unterschiede immer wieder glattbügeln. Beschreiben Amerikaner etwas als „great“ oder „awesome“, kategorisieren wir das schnell als übertrieben. Herz illustriert das mit einem jüdischen Witz: „Treffen sich zwei deutsche jüdische Emigranten in New York. Sagt der eine: ‚How are you?‘ Sagt der andere: ‚I am happy. Aber glücklich bin ich nicht.‘“ Was uns aufgesetzt erscheint, habe sich aber, so Herz, aus dem Höflichkeitsdiskurs der Pioniergesellschaft im 17. und 18. Jahrhundert entwickelt.

Verständnis durch Austausch

Auch Kirsten Rulf stieß während ihrer Studienzeit in Harvard immer wieder auf Anschauungen, die sie so nicht erwartet hatte. „In einem Kurs über Corporate Governance haben wir über Frauen in Aufsichtsräten gesprochen. Bis dahin war mir nicht klar, dass eine Quotenregelung, wie sie in Deutschland diskutiert wird, hier ein kulturelles, soziales und politisches Tabu ist.“ In einem anderen Kurs lauschte Rulf einem hochrangigen NSA-Mitarbeiter, der manche Eingriffe in die Privatsphäre mit Sicherheitsaspekten rechtfertigte. „Als Deutsche musste ich erst einmal schlucken – zu schnell hatte ich Assoziationen wie das abgehörte Handy der Bundeskanzlerin. Aber darüber nachzudenken, warum ich dazu eine andere Meinung habe, welche kulturellen Unterschiede beiden Perspektiven zugrunde liegen, und nicht nur aus einem Reflex heraus zu argumentieren ist eine sehr wertvolle Erfahrung.“

Die vielen Gespräche, die sie mit Lehrenden, Gästen sowie KommilitonInnen in Harvard über Werte, Politikstil, Kommunikation, Frauen in der Politik und natürlich den Wahlkampf geführt hat, haben ihr auch eines ganz deutlich gezeigt: „Das eine Amerika gibt es nicht.“ Rulf will daher nach ihrer Graduierung im Sommer noch jene Bundesstaaten fern der Ostküste bereisen, die eher unbekannt sind.

Als McCloy lernt man, das Land zu verstehen.

Dietmar Herz, Politikwissenschaftler

Wer um die geschichtlichen Wurzeln bestimmter Ansichten und Sitten weiß und die Kommunikationskultur vor Ort kennengelernt hat, der kommt bei transatlantischen Treffen besser und sicherer voran. Das zählt speziell für jene AustauschstudentInnen, die sich zukünftig mitunter in Leitungspositionen auch mit transatlantischen Fragen beschäftigen. „Als McCloy lernt man, das Land zu verstehen. Das ist für die transatlantischen Beziehungen von großer Bedeutung“, betont Politikwissenschaftler Herz das Gewicht des Austauschprogramms.

Die jungen OrganisatorInnen der German American Conference in Harvard arbeiten aktiv an der Aufrechterhaltung der deutsch-amerikanischen Freundschaft mit.
© David Elmes

Die jungen OrganisatorInnen der German American Conference in Harvard arbeiten aktiv an der Aufrechterhaltung der deutsch-amerikanischen Freundschaft mit.

Kontakte entwickeln sich im Rahmen des Austausches auch unter den McCloys selbst. „Das Alumninetzwerk besteht für mich aus guten Bekannten, freundschaftlichen Beziehungen und vielen Möglichkeiten, bei Fragen Experten heranziehen zu können“, erklärt Dietmar Herz. Immer wieder lädt er McCloy-Alumni als Redner an die Universität, gerade wenn es um Amerika oder Public Policy geht. „Man steht mit Generationen von McCloys in Kontakt, von denen manche in den USA und manche in Deutschland leben. Das Jahrestreffen ist wie eine große Familienfeier“, berichtet Kirsten Rulf. Die aktuellen StipendiatInnen hätten mit den folgenden bereits eine Whatsapp-Gruppe gegründet, um praktische Dinge des Studiums zu klären und den Start in Harvard zu erleichtern.

Für Rulf geht der Austausch demnächst zu Ende, sie hat gerade ihre Masterarbeit abgegeben. Dort, wo George C. Marshall vor 70 Jahren seine zuerst unscheinbare, später weltbewegende Rede hielt, hat sie an einem Themenfeld gearbeitet, das man stark verkürzt als „Verfassung für das Internet“ bezeichnen könnte. Gerade im Digitalen gebe es „typisch amerikanische Ansätze, die sich im deutschen oder europäischen Kontext gut aufbauen“ ließen. Rulf will ein Stück der „hemdsärmeligen Start-up-Kultur, in der auch Scheitern durchaus okay ist“, mit nach Deutschland bringen, um sich hier an der Vereinfachung digitaler Bürgerservices zu betätigen. Das gegenseitige Stiften von Ideen und der Transfer von Wissen – auch darin liegt die Zukunft der transatlantischen Beziehungen. In Harvard erfolgte 1947 nicht nur ihre Initialzündung: Durch den gelebten Austausch wird das Verständnis zwischen Deutschland und den USA dort auch 70 Jahre nach dem Marshallplan laufend bestärkt.

Von Haniel Stiftung

Auf einen Blick

Zum McCloy-Programm

Informationen zu Anforderungen und Leistungen enthält das Merkblatt zum McCloy Academic Scholarship Program.

Lernen Sie die aktuellen und ehemaligen McCloy-Stipendiaten auf ihrer offiziellen Homepage kennen.

Der Direktor des McCloy-Programms, Prof. Dr. Risse, über deutsch-amerikanische Beziehungen im Vorwort des 5-Jahresbericht der Haniel Stiftung.

Zur Website von Harvard Kennedy School.

Mehr über die German American Conference.

German American Conference at Harvard

https://www.youtube.com/watch?v=aUn1j0c1Wcs&feature=youtu.be

Der offizielle Aftermovie des #GAC15