© Dominic Tschoepe
McCloy Academic Scholarship Program

Relevantes und Sinnvolles machen

Seit 1983 bietet das McCloy-Stipendium herausragenden Studierenden die Möglichkeit, zwei Jahre in Harvard zu studieren. Susanna Krüger, Frank Müller, Friederike von Reden und Stefan Wisbauer haben diese Chance genutzt. Vier Jahrgänge und ihre jeweiligen Erfahrungen.

Herr Müller, Sie gehören zum ersten Jahrgang der McCloy-Stipendiaten 1983. Damals war ein Auslandsstudium viel exotischer als heute. Was hat Sie gereizt?

FRANK MÜLLER: Ich wollte als fertig studierter Ökonom aus Duisburg eigentlich noch einmal ins Ausland und in Melbourne an die Uni. Die Studienstiftung des deutschen Volkes hat mich auf das McCloy-Stipendium mit dem prestigeträchtigen Studium in Harvard hingewiesen, das klang toll. Damals war das Programm noch unbekannt. Am Ende waren wir sieben Leute, die von 1983 bis 1985 dort studiert haben.

Was war Ihr wichtigster Antrieb?

MÜLLER: Ich wollte mich in einer neuen, fremden Umgebung beweisen. Berufliche Erwartungen waren nicht mein Thema. Ich war Studentenvertreter und interessierte mich eher für Gesellschaft, Politik und andere Dinge.

SUSANNA KRÜGER: Für mich war in gewisser Weise Politik ein Auslöser. Ich wollte damals mit Kommilitonen eine Partei übernehmen und neu aufstellen, damit sind wir aber später gescheitert. Danach wollte ich wissen, wie man Change Management in politischen Prozessen orchestrieren kann. Mit meinem Studium der Geschichte, der Philosophie und des Internationalen Rechts kam ich nicht viel weiter. So bin ich auf das Programm gestoßen. Das war kein reines Karriereding, aber ich hatte schon die Hoffnung, dass sich dadurch neue Möglichkeiten ergeben.

STEFAN WISBAUER: Ich hatte als Praktikant zwei frühere McCloy-Stipendiaten kennengelernt, die davon schwärmten, wie »angewandt« dort studiert werde. Das war für mich – nach dem sehr theoretischen Studium der Mathematik und Physik – der Schlüsselbegriff. Ein praktischerer, breiterer Ansatz, bei dem man etwas Relevantes und Sinnvolles macht, das hat mich gereizt. Ich dachte, die Welt braucht mehr Brückenbauer.

© Privat

Mein Leben lang habe ich mich mit alternativer Wirtschaftspolitik beschäftigt, auch als ich selbst im Finanzsektor leitend tätig war. Heute beschäftigt mich das Konzept der ›Gross National Happiness‹ weiterhin ungemein.

Frank Müller

Frau von Reden, Sie nehmen derzeit noch am Programm teil. Was haben Sie sich erhofft?

RIEDERIKE VON REDEN: Nach meinem Magisterstudium in Geschichte, Kulturmanagement und Zivilrecht in Deutschland und Schweden habe ich für den Kulturkreis der deutschen Wirtschaft in Berlin gearbeitet. Das war erfüllend und spannend. Aber irgendwann fehlte mir der internationale Austausch – und neue Herausforderungen. Mit dem Master in »Public Administration« wollte ich meine bisherigen Fähigkeiten um solche in den Bereichen NGO-Management und internationale Beziehungen ergänzen und andere Perspektiven bekommen. Bislang habe ich den Eindruck: Alle meine Erwartungen werden übertroffen!

Was war Ihre prägendste Erfahrung?

WISBAUER: Über einen Kurs an der Harvard Business School habe ich mit anderen Studenten einen ganzen Sommer im Nahen Osten verbracht, um zusammen mit Israelis und Palästinensern brückenbauende Projekte zu entwickeln und bestimmte Handelsstrukturen, etwa in wichtigen Häfen, genauer zu analysieren. Wie stellt sich die Situation aus der einen, wie aus der anderen Perspektive dar? Das war extrem spannend. Auch die Kurse zur Systemdynamik haben mein Denken nachhaltig verändert.

VON REDEN: Die Grundeinstellung in den USA ist generell optimistischer und lösungsorientierter als in Deutschland. Zudem kooperiert man sehr stark. Dieses gemeinsame Arbeiten an kreativen, interdisziplinären Lösungen für gesellschaftliche Probleme empfinde ich als sehr bereichernd.

KRÜGER: Für mich war das Wichtigste eine neue Art der Selbstwahrnehmung. Wie werde ich in Gruppen gesehen, wie funktioniere ich in Grup- pen, wie kann ich intervenieren? Das Selbstver- trauen wächst und damit das Gefühl, dass sehr viel möglich ist. Man verliert die Angst vor Begeg- nungen mit Amtsträgern und bewegt sich auf internationalem Parkett viel sicherer. Die Konzen- tration auf Change Management hat mein berufli- ches Leben verändert: Seit fast 15 Jahren beschäf- tige ich mich jetzt mit Veränderungsprozessen in gemeinnützigen und öffentlichen Organisationen.

MÜLLER: Wir saßen beim Mittagessen, da kamen plötzlich Regierungsmitglieder oder Vorstandsvorsitzende vorbei! Das war für mich, vor allem als Kind aus einer Arbeiterfamilie, schon sehr besonders. Ich habe gelernt, nicht mehr so sehr in Hierarchien zu denken und in jeder Situation sicherer aufzutreten.

Wenn man sich im Studium mit den Fragen von Social Entrepreneurship auseinandersetzt, wie Gesellschaft und die Wirtschaft nachhaltig und sozial verantwortlich verändert werden können, was bleibt davon für die Praxis?

MÜLLER: Mein Leben lang habe ich mich mit alternativer Wirtschaftspolitik beschäftigt, auch als ich selbst im Finanzsektor leitend tätig war. Meine Stiftung »vita«, die Umwelt, Bildung und Kultur fördert und die ich 2007 mit meiner Frau gegründet habe, unterstützt solche Suchprozesse. Ich war gerade in Bhutan, wo es einen jungen König gab, der auf die Frage nach dem Bruttosozialprodukt, also des »Gross National Product«, einmal geantwortet hat: »Viel wichtiger ist mir das Glück meines Volkes, die ›Gross National Happiness‹.« Das Thema fasziniert mich weiter.

WISBAUER: Ich hatte schon bei McKinsey unterschrieben, mich aber im letzten Moment entschieden, zunächst zur Weltbank zu gehen, um bewusst auch den öffentlichen Sektor kennenzulernen. Ich wollte etwas Sinnvolles machen, was auch zum Spirit der HARVARD Kennedy School passt. Und wenn man merkt, dass man in so einer Institution tatsächlich mit seinen Vorschlägen gehört wird, ist das schon sehr befriedigend.

© Privat

Mir sind das Netzwerk und viele der Leute sehr wichtig. Ich komme aus einer Nicht-Akademiker-Familie, das Stipendium war für mich ein lebensverändernder Schritt. Zu einigen der Stipendiaten habe ich sehr gute Arbeitsbeziehungen aufgebaut.

Susanna Krüger

Frau Krüger, Sie helfen mit Ihrer Beratungsgesellschaft »Goodroot« Organisationen mit einem sozialen und gesellschaftspolitischen Auftrag dabei, ihre Wirkung zu verbessern. Haben Sie den Eindruck, dass hierzulande in Wirtschaft und Gesellschaft in den letzten Jahren Themen wie Ganzheitlichkeit und gesellschaftliche Verantwortung wichtiger geworden sind?

KRÜGER: Ich beobachte einen zarten, fragilen Bewusstseinswandel in der Art und Weise, wie wir Dinge wahrnehmen. Das geschieht allerdings nur vereinzelt und in bestimmten Schichten. Es gibt Führungspersönlichkeiten, die heute schon anders denken und handeln. Aber das sind noch Ausnahmen. In der praktischen Organisationsrealität in Deutschland sieht man davon sehr wenig.

Beschleunigen die jüngsten Wirtschaftsskan- dale, etwa bei VW und der Deutschen Bank, den Bewusstseinswandel im Management? Wird der ehrbare Kaufmann wieder ein stärkeres Leitbild?

KRÜGER: Ich erwarte keine großartigen Konsequenzen aus den Vorfällen, die Beharrungskräfte sind sehr stark, the show must go on. Aber diese Beispiele werfen wichtige Fragen auf: Können wir in immer komplexeren Situationen überhaupt noch etwas steuern? Brauchen wir neue Formen der Führung?

WISBAUER: Skandale hat es immer gegeben, aber heute entwickeln sich wegen der globalen Vernetzung über die sozialen Kanäle ganz andere Dynamiken. Eine falsche Politik kann einem Unternehmen jetzt fundamental schaden. Im Vergleich zu anderen Ländern scheint mir das Bewusstsein in Deutschland für nachhaltigeres, verantwortungsbewussteres und wertegetriebeneres Verhalten – siehe Umweltschutz – schon sehr viel ausgeprägter zu sein als etwa in den USA.

MÜLLER: Ich habe die große Hoffnung, dass sich auf der Ebene der jüngeren Generationen einiges tut. Was alteingesessene Manager anbelangt, bin ich mir nicht so sicher. Ich habe in großen Unternehmen gearbeitet: Bei Krisen wurde dort nur reagiert, weil man reagieren musste. Die Jungen können das ändern. Das sehe ich bei den jüngeren McCloy-Stipendiaten: Die kommen mit anderen Vorstellungen und übernehmen mehr Verantwortung.

Was meinen Sie damit?

MÜLLER: Aus meiner Generation sind die Absolventen der Kennedy School alle in sehr lukrativen Jobs gelandet, wo man gutes Geld verdienen konnte. Das war quasi der natürliche Weg. Heute fällen die Absolventen viel bewusster Entscheidungen für mehr Sinn – und gegen mehr Geld. Sie sind viel stärker werteorientiert. Mit diesem Druck von unten können Gesellschaft und Wirtschaft geändert werden.

VON REDEN: Das stimmt, für die Generation Y ist das Gehalt meist nicht das Hauptkriterium. Wir McCloy-Stipendiaten haben nach dem Studium glücklicherweise keine Schulden, das macht uns etwas freier in der Berufswahl. Viele amerikanische Kommilitonen suchen nach dem Studium erst mal Jobs mit hohem Einkommen, weil sie ihre Kredite abtragen müssen. Ich persönlich würde später gerne an den Themen Völkerverständigung, Integration oder im Bereich humanitäre Soforthilfe arbeiten.

© Privat

Wer in der Politik oder in Stiftungen etwas bewirken will, ist oft gut beraten, zu verstehen, wie Firmen ticken. Der Wechsel von der Wirtschaft in den gemeinnützigen Bereich und anders- herum ist zu verschiedenen Zeitpunkten möglich.

Stefan Wisbauer

Sind klassische DAX-Unternehmen für Sie keine potentiellen Arbeitgeber?

VON REDEN: Doch, dann allerdings eher im Bereich Corporate Social Responsibility beziehunsgweise bei einer unternehmensnahen Stiftung.

Wenn ein junger McCloy-Stipendiat gerne etwas in unserem Gemeinwesen verändern würde, sollte er lieber in die Wirtschaft oder in eine gemeinnützige Organisation gehen?

WISBAUER: Wer in der Politik oder in Stiftungen etwas bewirken will, ist oft gut beraten, zu verstehen, wie Firmen ticken. Und auch innerhalb von Unternehmen kann man an Projekten arbeiten, die nicht nur einen kommerziellen Fokus haben. Als ich bei McKinsey war, habe ich regelmäßig auch an Pro-Bono-Projekten mitgewirkt. Der Wechsel von der Wirtschaft in den gemeinnützigen Bereich und andersherum ist oft selbst zu einem späteren Zeitpunkt noch möglich. Pauschale Empfehlungen sind also schwierig.

KRÜGER: Beides macht Sinn, das Interesse sollte entscheiden. Es ist heute auch einfacher als vor 15 Jahren, später von dem einen in den anderen Bereich zu wechseln. Das ist eine schöne Entwicklung, denn wir brauchen viel mehr Menschen, die sich zwischen den beiden Welten bewegen und als Übersetzer funktionieren können.

Braucht man in der Wirtschaft eine höhere Frustrationstoleranz?

KRÜGER: Nein, es scheint mir genau anders herum. Im klassischen deutschen Großkonzern sind die Arbeitsziele leichter definierbar und der Erfolg besser messbar. In einer Stiftung oder im gemeinnützigen Bereich sind Sichtbarkeit und Sinn die allgemeine Währung. Die angestrebten Veränderungsprozesse sind schwerer anzustoßen, der Fortschritt oft kaum spürbar. Das kostet sehr viel Kraft. Da hat man in der Wirtschaft oft schneller Erfolgserlebnisse.

© Privat

Für uns Studierende spielt das Netzwerk eine große Rolle – sowohl beruflich als auch persönlich. Schon bevor man rübergeht, wird man beim Jahrestreffen wie ein neues Familienmitglied in die ›McCloy-Familie‹ integriert – das gefällt mir sehr.

Friederike von Reden

Wie hat sich Ihr USA-Bild durch den Aufenthalt in Harvard verändert?

KRÜGER: Ich stellte mir vor meinem Aufenthalt die USA als große, innovationsfreudige Dienstleistungsgesellschaft mit großen Ähnlichkeiten zu Deutschland vor. Aber es gab doch überraschend große Unterschiede. Oft werden etwa ganz andere Dinge gemeint, auch wenn man dieselben Worte benutzt. Deswegen war der Aufenthalt hilfreich. Auch mein Bild der US-Außenpolitik hat sich geändert. Am 11. September 2001 haben wir alle gemeinsam an der Kennedy School auf dem Großbildschirm live die Türme einstürzen sehen. Das hat meine Empathie für die Amerikaner stark vergrößert.

WISBAUER: Ich kannte die USA durch Aufenthalte an einer kalifornischen High School und während eines Studienaufenthaltes in Michigan schon, da gab es also keine Überraschungen, aber noch tiefere Einblicke in andere Kulturen, denn die Kennedy School ist sehr, sehr international.

VON REDEN: Es gibt tatsächlich große kulturelle Unterschiede, und manchmal merke ich auch, wie »deutsch« ich bin. Wir machen gerne Dinge etwas tiefer gehender und gründlicher. Insgesamt wird meine positive USA-Einstellung aber bestätigt.

Wie rege ist der Austausch unter ehemaligen Stipendiaten?

MÜLLER: Der wird zunehmend besser und bedeutet mir sehr viel. Vor allem der Kontakt zur jüngeren Generation ist sehr inspirierend. Seit es den McCloy-Verein gibt, ist der Austausch sehr viel einfacher geworden.

Haben diese Kontakte eher eine private oder eine geschäftliche Komponente?

KRÜGER: Beides, aber der private Teil ist größer. Mir sind das Netzwerk und viele von den Leuten sehr, sehr wichtig. Ich komme aus einer Nicht-Akademiker-Familie, für mich war das Stipendium ein lebensverändernder Schritt, dafür bin ich immer noch sehr dankbar. Zu einigen der Stipendiaten habe ich zugleich sehr gute Arbeitsbeziehungen, auch auf internationaler Ebene. Das ist äußerst angenehm, weil man gewissermaßen dieselbe Sprache spricht.

VON REDEN: Auch für uns Studierende spielt das Netzwerk eine große Rolle – sowohl beruflich als auch persönlich. Schon bevor man rübergeht, wird man beim Jahrestreffen wie ein neues Familienmitglied in die »McCloy-Familie« integriert – das gefällt mir sehr.

WISBAUER: Ich bin relativ aktiv und gehe immer gerne zu den Treffen. Der soziale Aspekt steht für mich im Fokus. Die McCloys sind wirklich ein Schlag für sich, eine sehr inspirierende Truppe, die mir jedes Mal wieder aufs Neue Spaß macht.

Von Haniel Stiftung