Severin Thoma übt lesen und schreiben mit zwei Schülern
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Bildung als Chance

Schülern Helfen – Chancen geben

Maria, Vasile und Vanessa haben sich heute das F vorgeknöpft. Langsam malen sie den Buchstaben auf ihre Blätter. Marga liest stattdessen lieber vor: »H … ha … aus … Haus.« »Prima, Marga«, sagt Severin Thoma, »jetzt musst du noch ein wenig schreiben, okay?« Die Elfjährige seufzt, nickt und schnappt sich den Stift.

Deutschstunde an der Theodor-König-Gesamtschule in Duisburg-Beeck. Wie jeden Dienstagvormittag übt Teach-First-Fellow Severin Thoma mit den knapp 20 Kids der »Seiteneinsteigerklasse« intensiv Deutsch. Alle Schüler sind Flüchtlinge, kommen aus Syrien oder Serbien, aus Bulgarien, Rumänien, dem Irak oder Kroatien. Einige müssen ganz von vorne anfangen, andere probieren bereits kleine Dialoge. »Welche Hobbys hast du?« »Ich spiele gerne Fußball.« 

Ohne die Unterstützung von Severin Thoma könnte Klassenlehrerin Brita Dannehl die heterogene Schülergruppe kaum angemessen fördern. Mal setzt sich der Helfer mit den Alphabetisierungsschülern zu einer extra Übungseinheit zusammen, mal diskutiert er mit Dannehl die Fortschritte der Kids, mal beraten sie im Team die Eltern am Sprechtag und mal vermittelt Thoma Schüler an die Nachhilfeprofis vom Chancenwerk, die zweimal pro Woche nachmittags in die Schule kommen. »Es ist ein Traum, dass wir so intensiv von externen Partnern unterstützt werden«, sagt Dannehl. »Das hilft unseren Schülern sehr.« 

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Gemeinsam macht es mehr Spaß: Nachmittags knobeln Cebrail, Betül und Sadikhan an den Hausaufgaben, Teach-First-Fellow Severin Thoma hilft

Die Theodor-König-Gesamtschule ist eine typische Schule für den Duisburger Brennpunktbezirk Beeck. 80 Prozent der Schüler haben einen türkischen Migrationshintergrund, 66 Prozent brauchen zusätzliche Sprachförderung. Auch die deutschen Schüler kommen aus bildungsfernen Familien. »Benachteiligt sind praktisch alle Kinder bei uns«, sagt Schulleiter Dirk Winkelmann. »Sie wachsen in schwierigen Verhältnissen auf.« Die Chancen auf eine erfolgreiche Bildungskarriere sind gering. Deshalb hat Winkelman begeistert »Ja!« gerufen, als 2013 das Chancenwerk anbot, die Schüler mit seinem ausgefeilten Nachhilfeprogramm zu fördern; und auch, als 2014 Teach First Deutschland den ersten Topabsolventen von der Universität als pädagogische Unterstützung auf Zeit an die Schule zu schicken bereit war; und dann wieder, als vor einem Jahr das Intitut apeiros hinzukam, das Schulverweigerer zurück ins Klassenzimmer holt. Der Clou: Die drei jungen Sozialunternehmen arbeiten nicht isoliert voneinander wie so oft in der Bildungslandschaft, sondern verzahnen ihre Arbeit systematisch.

Dass dies so gut funktioniert, liegt an dem Kooperationsprojekt »Bildung als Chance«, welches das traditionsreiche Duisburger Familienunternehmen Haniel 2010 ins Leben gerufen hat. »Der Unternehmerfamilie ist es sehr wichtig, Verantwortung für die soziale Entwicklung am Firmenstandort zu übernehmen«, sagt Rupert Antes, Geschäftsführer der Haniel Stiftung, die das Programm seit 2013 leitet und weiterentwickelt. Das Ziel: Bildungschancen verbessern. Denn in keiner anderen Stadt im Ruhrgebiet brechen so viele Kinder die Schule ab wie in Duisburg. Sieben Prozent verlassen ohne Abschluss die Schule, bei den ausländischen Schülern sind es fast doppelt so viele. Flüchtlinge haben es erst recht schwer. 

Selbstverständlich gibt es Dutzende hervorragende Initiativen und Projekte, die es bildungsbenachteiligten Schülern leichter machen wollen, zu lernen. Doch oft bleibt ihre Arbeit »Stückwerk«, unverbunden und wenig nachhaltig. Denn die komplexen Herausforderungen im Bildungssystem lassen sich nicht alleine lösen. »Wie wäre es also«, hatten sich die Initiatoren von »Bildung als Chance« 2011 gefragt, »wenn wir die wichtigsten Player, die in Duisburg ohnehin aktiv sind, an einen Tisch bringen?« Die Bildungsexperten der Stadt Duisburg, Ashoka, eine Organisation, die Sozialunternehmer in Kommunen unterstützt, und die drei Sozialunternehmernehmen Teach First Deutschland, Chancenwerk und apeiros kämpfen an den Schulen der Region mit unterschiedlichen Ansätzen für mehr Bildungschancen. »Wir wollen eine Bildungskette aufbauen und im Sinne von ›Collective Impact‹ gemeinsam mehr erreichen«, sagt Antes, »damit die unterschiedlichen Maßnahmen wie Zahnräder ineinander greifen und benachteiligte Schüler optimal gefördert werden.«

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Denk-Duett: Nachhilfelehrer Lucas Sauerborn von Chancenwerk bringt Schülerin Seyma auf neue Ideen

Thoma ist Vollzeit vor Ort, Lucas Sauerborn nur zweimal pro Woche. »Umso wichtiger ist ein regelmäßiger Austausch«, sagen beide. Wie kommen die Kinder voran? Wie läuft es in den Klassen? Wo wünschen sich die Lehrer Unterstützung? Wer braucht Hausaufgabenbetreuung, für wen ist Nachhilfe sinnvoll? Und welche dieser Schüler könnten gleichzeitig Nachhilfe geben? Sauerborn: »Unser Prinzip ist eine Art Nachhilfekette: Studenten helfen älteren Schülern, die älteren Schüler unterstützen dafür jüngere.« Das hält die Kosten klein, Ältere bezahlen keine Extragebühr, für Jüngere müssen die Eltern zehn Euro pro Monat zahlen.

Heute übt Sauerborn, Student der Biologie und Germanistik, mit Christopher und Lukas die Grundregeln einer Bildbeschreibung. Vorher haben ihn die beiden Neuntklässler bei der Hausaufgabenbetreuung für die Klassen 5 bis 7 unterstützt. Circa zwanzig Kinder grübeln drei Nachmittage pro Woche gemeinsam über Mathe und Englisch, Deutsch und Chemie, lösen Rechtschreiberätsel oder knobeln an Zahlenspielen. »Zusammen macht das mehr Spaß als allein zu Hause«, findet Sadikhan aus Klasse 5. »In Englisch bin ich schon besser geworden«, sagt Tom aus der 6. Klasse. Und auch Christopher und Lukas, die Neuntklässler, profitieren von ihrem Job: »Es tut gut, den Kids zu helfen und ihnen zu zeigen: Ihr könnt es schaffen!«

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Schüler lernen von Schülern: Neuntklässler Christopher übt Englisch mit Tom und Josephine aus Klasse 7

So oft wie möglich tauschen sich Teach-First-Fellow Thoma und Chancenwerk-Mitarbeiter Sauerborn auch mit Sven Schneider und seinen Kollegen von apeiros aus, das mit Fehlzeitenstatistiken, Elterngesprächen und Hausbesuchen hilft, schulmüde Kinder wieder fürs Lernen zu gewinnen. Schneider: »Zwar dürfen wir keine Schülerdaten an unsere Mitstreiter weitergeben, aber wir können uns über die Situation in den Klassen beraten und so die Kids noch besser unterstützen.« Es hilft, dass Schneider, Sauerborn und Thoma mit dem unbefangenen Blick von außen auf Probleme im Schulalltag schauen. »Oft sieht man dadurch Dinge, die Menschen in der Schule gar nicht wahrnehmen«, so Schneider. Manchmal sprechen sie – anonymisiert – Fälle durch, beraten sich gegenseitig in einer Art kollegialer Supervision: Ich habe da folgende Situation und bin in dieser oder jener Weise vorgegangen, habt ihr noch andere Ideen? Manchmal tauschen sie sich über Gespräche mit Lehrern aus, empfehlen sich gute Ansprechpartner aus dem Kollegium. Schneider: »Weil wir uns gegenseitig absolut vertrauen und an der Theodor-König-Gesamtschule eng kooperieren, können wir hier viel effektiver arbeiten als an Schulen, an denen wir alleine vertreten sind.«

Und wenn sich einmal im Monat das gesamte Duisburger Team von »Bildung als Chance« zum Netzwerkmeeting zusammensetzt, feilen Sozialunternehmer, Vertreter der Stadt, von Ashoka und der Haniel Stiftung weiter an ihrem Konzept: Wie können wir die Zusammenarbeit an den Schulen noch besser machen? Wie lässt sich die Kooperation mit den Lehrern optimieren? Wie können wir uns stärker in der Stadt verankern? Zum Beispiel, indem wir uns auf der Schulleiterkonferenz gemeinsam präsentieren. »Wir möchten, dass die drei Sozialunternehmen als eine Marke wahrgenommen werden«, betont Rupert Antes. »Zentral ist dabei die feste Verankerung in der Kommune: Ohne die Unterstützung der Stadt Duisburg wären wir nicht so schnell so weit gekommen.«

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Im Trio für bessere Bildungschancen: Lucas Sauerborn (chancennetzwerk), Sven Schneider (apeiros) und Severin Thoma (Teach First Deutschland)

Schulleiter Winkelmann sieht das Organisations-Trio längst als Netzwerk-Team. »Es ist klasse, wie sich die drei ergänzen.« Er schätzt den frischen Wind, den die Helfer ins Klassenzimmer bringen, den anderen Zugang zu Schülern, die enge Kooperation, die Entlastung für das Kollegium.

Bis Ende 2016 will »Bildung als Chance« 70 Prozent der Duisburger Haupt-, Real- und Gesamtschulen erreichen. Bislang ist die Initiative an 18 von 30 Schulen vertreten, an 4 Schulen arbeiten bereits alle drei Projekte intensiv vor Ort zusammen, eine davon ist die Theodor-König-Gesamtschule. Damit gehört das Projekt zu den größten Collective-Impact-Projekten in Deutschland. Was die Kooperation genau bringt, evaluieren derzeit das Centrum für soziale Investitionen und Innovationen der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg sowie die Universität Duisburg-Essen im Auftrag der Haniel Stiftung. Antes sagt: »Wir wollen auch anderen Städten zeigen: Gemeinsam lässt sich mehr erreichen! Tut es uns nach!«

Von Haniel Stiftung