© Alexander Muchnik
Unternehmensgründung von Migrantinnen und Migranten

„Wir sind Überlebenskämpfer“

Die Forschung über Unternehmerinnen und Unternehmer mit Migrationshintergrund hat Hochkonjunktur. Deshalb haben wir die, um die es geht, an einen Tisch geholt, um diese Forschungsergebnisse sowie Motivation und Hürden im Gründungsprozess zu diskutieren. Fatima Caliskan, Yasemin Sahin und Murat Vural über die Frage: Warum und wie gründen Migrantinnen und Migranten?

Migranten haben eine höhere Gründungsneigung als Erwerbsfähige im Allgemeinen.

KfW-Bank, 2016

Frau Caliskan, Frau Sahin, Herr Vural, warum haben Sie gegründet?

Murat Vural: Am 7. Januar 2004 holte mich meine Schwester am Bahnhof in Castrop-Rauxel ab und sagte: „Den Migrantenkindern geht es nicht gut in Deutschland, wir müssen etwas tun.“ Daraufhin habe ich Kollegen angerufen und Studenten gesucht, die ehrenamtlich Nachhilfe geben konnten. Ich habe mir keine Gedanken über Gründung oder Sozialunternehmen gemacht, ich wusste nur: Ich muss das machen. Die Strukturen dafür haben wir später geschaffen.

Yasemin Sahin: Wenn ich das Studium fertig habe, bin ich gleichgestellt mit allen anderen – so dachte ich nach meinem Abschluss im Jahr 2008. Ich hatte bereits eine Stelle bei einer Bank, gutes Gehalt und unbefristeter Vertrag inklusive. Aber die konservative, männerdominierte Unternehmenstruktur hatte ich nicht erwartet. Bereits nach zwei Wochen entstand der Gedanke, mich beruflich verändern zu wollen. Nach der Geburt meiner zweiten Tochter habe ich dann den Entschluss zur Gründung gefasst. Ich wollte unternehmerische Freiheit, Dinge umsetzen, etwas bewirken.

Fatima Caliskan: Handan Cakir, meine Mitgründerin, kenne ich schon lange. Während des Studiums wurde uns bewusst, wie wichtig Netzwerke sind, gerade für Migrantinnen, die nicht aus Akademikerfamilien kommen. Uns fehlte eine Austauschplattform. Kurz vor dem Abschluss haben wir begonnen, selbst etwas auf die Beine zu stellen. Im Sommer 2016 skizzierten wir die Plattform unserer Träume. Und seither arbeiten wir daran – parallel zum Abschluss. Wir wollten nicht länger warten.

Viele erfolgreiche Geschäftsideen von Migranten hängen unmittelbar mit ihrem migrantischen Hintergrund zusammen.

GründerZeiten, Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, 2017

Inwiefern spielte die eigene Lebenserfahrung eine Rolle für die Gründung?

Murat Vural: Im Alter zwischen elf und 16 Jahren lebte ich in der Türkei. Ich habe eine Eliteschule besucht; man sagte mir: „Du schaffst das.“ Zurück in Deutschland landete ich mangels Sprachkenntnissen auf der Hauptschule. Mit viel Engagement schaffte ich es als Quereinsteiger aufs Gymnasium. Dort gab man mir täglich das Gefühl, ein potenzieller Durchfallkandidat zu sein. Geschafft habe ich alles – auch das anschließende Elektrotechnik-Studium. Meine Schwester hat Ähnliches erlebt. Deshalb ist die Selbstständigkeit meine Berufung und meine Mission. Wer selbst betroffen ist, will ein Problem wirklich lösen und nimmt viele Hürden in Kauf.

Yasemin Sahin: Ich komme aus einer politisch aktiven alevitisch-kurdischen Familie. Viele Verwandte mussten die Türkei aus politischen Gründen verlassen. Somit habe ich früh gelernt, dass man manchmal nichts mehr zu verlieren hat, wenn man schon die eigene Heimat aufgeben musste. Als Angestellte konnte ich mein Potenzial nicht ausschöpfen. Erfahrungen aus meiner Familie haben mir Mut gegeben, zu gründen. Ich hatte nichts zu verlieren, nur den Arbeitsvertrag. Zudem habe ich durch Erlebnisse in Schule und Studium aus Trotz etwas Eigenes schaffen wollen. Dort wurde mir immer wieder empfohlen, eine Ausbildung zu machen, da meine Deutschkenntnisse für ein Studium nicht ausreichen würden.

Fatima Caliskan: Es gibt dabei eine Gefahr: Es wird erwartet, dass man die eigene Geschichte preisgibt, sich unbekannten Menschen öffnet, bei denen man schwer einschätzen kann, wie sie damit umgehen. Die persönliche Betroffenheit macht verletzlich, wenn Dinge nicht klappen oder Kritik kommt. Man muss lernen, wie man damit umgeht.

Murat Vural: Andere gründen Unternehmen mit dem Ziel, Profit zu machen. Scheitern sie, verlieren sie Geld. Wenn Menschen wie wir scheitern, ist der Preis dafür ungemein höher. Ich glaube, da passiert im Inneren etwas.

Hintergrund mit Vorteil: Die Kleinunternehmerinnen und -unternehmer in den Herkunftsländern haben für viele eingewanderte Gründer eine Vorbildfunktion, so Sahin.

Hintergrund mit Vorteil: Die Kleinunternehmerinnen und -unternehmer in den Herkunftsländern haben für viele eingewanderte Gründer eine Vorbildfunktion, so Sahin.

Hatten Sie bei Ihrer Gründung Vorbilder?

Yasemin Sahin: Migranten, die gründen, haben eine Sache gemeinsam: Wir kommen aus Ländern, in denen es sehr viele Kleinunternehmen gibt. Diese könnte man als Vorbilder bezeichnen. Durch sie wird man mutiger, etwas zu gründen.

Murat Vural: Mein Vater hat nach der Arbeit immer etwas verkauft, von Textilien bis Wurst. In unserer Umgebung mussten Menschen sich unternehmerisch bewegen, um ihre Existenz zu sichern. Mich haben nicht einzelne Personen geprägt, sondern diese Haltung: „Wenn du ein Problem siehst, löse es.“

Untersuchungen zum Bedarf und zur Inanspruchnahme von Beratung lassen den Schluss zu, dass sich weite Gruppen von Migrantinnen und Migranten durch die Angebote öffentlicher Institutionen nicht angesprochen fühlen.

Institut für Mittelstandsforschung, Universität Mannheim, 2017

Bei welchen Stellen haben Sie sich Beratung geholt?

Fatima Caliskan: Als Kulturpsychologin hatte ich von gUG und GbR keine Ahnung, da war viel Eigenrecherche gefragt. Wir zogen den Career Service der Uni in Betracht, der aber unseren Bedarf zwischen Sozialem und Entrepreneurship nicht deckte. Bei anderen Stellen scheiterten wir daran, Ansprechpartner zu finden, die verstehen und nachvollziehen konnten, woran wir arbeiten. Einzig das Stipendium im Social Impact Lab Duisburg hat geholfen, weil wir hier Zugang zu Coachings und erfahrenen Experten aus dem Bereich Sozialunternehmertum haben.

Yasemin Sahin: Ich war einmal beim IHK-Startercenter. Wie in dem Gespräch mit meinem Wunsch, zu gründen, umgegangen wurde, war wenig motivierend. Daher bin ich ohne weitere Beratungen meinen Weg gegangen. Das Erstellen komplizierter Businesspläne, die mühselige Überzeugungsarbeit bei Förderstellen und Geldgebern und die Aussage, dass es nicht sinnvoll sei, eine Nachhilfeschule zu gründen, weil es die an jeder Ecke gebe – all das hätte mich möglicherweise zu der Ansicht gebracht, dass es zu kompliziert ist und ich das nicht schaffe. Deshalb habe ich den Mut gefasst, ohne Fremdkapital zu starten.

Murat Vural: Diese Hürden aufzubauen ist aber auch die Aufgabe des Beraters. So funktioniert das System in Deutschland. Nach einem bestimmten Muster werden jene ausgesucht, bei denen die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass sie mit ihrer Unternehmensidee erfolgreich sind. Es hilft nicht, wenn der Berater sagt: „Das kriegst du schon hin. Komm, lass uns die Welt verändern.“ Irgendwann braucht man Geld. Und Leute und Institutionen, die Geld haben, wollen Businesspläne sehen.

Yasemin Sahin: Ich denke, dass sich die Unterstützungskultur in Deutschland ändern muss. Sie sollte offener werden und Menschen mehr Möglichkeiten bieten, Ideen umzusetzen.

Das Gespräch bot Platz für kontroverse Diskussionen, aber auch heitere Momente.

Kontroverse Diskussionen und heitere Momente schließen sich nicht aus - das beweisen Fatima Caliskan und Murat Vural.

Herr Vural, haben Sie Beratungsstellen aufgesucht?

Murat Vural: Nicht von Anfang an. Erst als ich 2006 Ashoka-Fellow wurde, bekam ich einen McKinsey-Berater, der mittlerweile auch in unserem Wirtschaftsbeirat sitzt. Er hat die ersten Geschäftspläne mitentwickelt. Ich sträubte mich zuerst dagegen. Aber irgendwann verstand ich, dass man das machen muss, um die Geldgeber zu überzeugen.

Frau Caliskan, wie bewerten Sie den Zugang zu Fördermitteln und Geldgebern?

Fatima Caliskan: Wer ziemlich genau weiß, was er möchte und wo er hinwill, kann gezielt Fördertöpfe ausschließen oder Gruppen finden, die einen finanziell unterstützen. Man muss dann abwägen, wie viel Kooperation man eingehen möchte oder was man selbstständig leisten kann.

Murat Vural: Um Geld zu bekommen, musst du einen erfolgreichen Unternehmer oder Stifter davon überzeugen, dass er aus 100.000 Möglichkeiten genau dich auswählt. Dafür müssen wir sehr gute Arbeit leisten. So lange, bis wir alle Punkte auf der Checkliste des Geldgebers erfüllen. Das gilt insbesondere für Sozialunternehmen, schließlich gibt es da für Geldgeber nichts zu verdienen. Dabei helfen Auszeichnungen und Preise. Sie lassen dich aus dem Nebel der vielen Menschen mit guten Ideen treten und sichtbar werden.

Fatima Caliskan: Zu wissen, was ich kann und wo ich hinwill, dann proaktiv auf Menschen zuzugehen und meine Idee sichtbar zu machen – das ist wichtig.

Murat Vural: Man muss sich darüber klar sein, dass es lange dauert, bis die großen Summen kommen. Die ersten fünf Jahre sind hart. Auch das sollte ein guter Berater nicht verschweigen.

Ein Teil der englischsprachigen Ethnic Entrepreneurship-Forschung geht von einem eher schwachen Integrationswillen selbständiger Migranten und einer geringen Identifikation mit dem Aufnahmeland aus.

Institut für Mittelstandsforschung, Universität Mannheim, 2009

Hat sich durch die Gründung Ihr Blick auf Deutschland verändert?

Yasemin Sahin: 2016 haben wir den Wuppertaler Wirtschaftspreis in der Kategorie „Jungunternehmen des Jahres“ bekommen. Seit dieser Anerkennung fühle ich mich heimisch und hier zugehörig. Der Preis hat meinen Blick auf Wuppertal verändert, wo ich lebe: Ich erkenne jetzt Strukturen, die mir bisher unbekannt waren – etwa die vielen Familienunternehmen in der Region, die sich sozial engagieren.

Murat Vural: Mich hat Deutschland positiv überrascht: Ein Türke fummelt im Bildungssystem herum, an 76 Schulen in neun Bundesländern! Wer gute Arbeit leistet, der kommt hier voran, auch wenn er Teil einer Minderheitsgesellschaft ist. Da bin ich stolz auf Deutschland. Erfolgreich zu sein ist für Menschen mit Migrationshintergrund schwieriger, aber es ist machbar.

Wie empfinden Sie diese erhöhte Schwierigkeit?

Murat Vural: Du kannst in Deutschland erfolgreich sein, doch du musst fünfmal so viel arbeiten wie ein Deutscher: So erziehe ich meinen Sohn, der gerade das Abitur bestanden hat. Anstatt über die Ungerechtigkeit zu jammern, muss er sie akzeptieren und sich deutlich mehr anstrengen. Nur so hat er eine Chance auf Erfolg. Man darf das System und das Land, in dem man lebt, beim eigenen Kind nicht schlechtmachen.

Yasemin Sahin: Ich denke nicht, dass es in Deutschland eine Ausgrenzung aufgrund des Migrationshintergrunds gibt. Es ist nur schwieriger, als Migrant zu gründen. Der Wirtschaftspreis hat mir gezeigt, dass man in Deutschland mit offenen Armen aufgenommen wird, wenn man lange genug sehr gute Arbeit leistet.

Sie empfinden das nicht als ungerecht?

Yasemin Sahin: Auf der einen Seite haben wir in Deutschland eine ziemlich konservative Struktur, in der sich Offenheit gegenüber Migranten noch entwickeln muss. Auf der anderen Seite ist es nicht einfach, in einem fremden Land als Selbstständiger erfolgreich zu sein. Ich denke, das ist ganz natürlich.

Fatima Caliskan: Ich glaube, dass wir daran gewöhnt und daher ein Stück weit hoffnungslos und desillusioniert sind. Das ist eine Strategie, mit der Ungerechtigkeit umzugehen. Damit zufriedengeben kann und will ich mich persönlich nicht. Klar ist, dass man sich nicht über die strukturelle Ausgeschlossenheit beschweren und sich in seinem Elend suhlen kann. Ich mache mich dafür stark, die Ungleichheit zu benennen und konkret zu überlegen, wie sie sich überwinden lässt. Ich denke, dass unsere Arbeit einen großen Beitrag leistet. Aber das braucht Zeit. Vielleicht profitieren erst unsere Enkelkinder davon, nicht schon unsere Kinder.

Murat Vural: Natürlich verspüren wir ein intensives Gefühl der Ungerechtigkeit. Sonst würden wir nicht das machen, was wir tun. Unsere Strategie ist es, die Sache positiv anzugehen – Stichwort „empowern“. Wir erklären unseren Kindern das System und erläutern ihnen, wie sie damit gut umgehen können, aber wir machen das System nicht schlecht.

Yasemin Sahin: Langsam steigern wir unsere Sichtbarkeit: Ich wurde mit einer großen Mehrheit in die IHK-Vollversammlung gewählt. Auf dem Bildungskongress 2016 der IHK waren mein Mann und ich allerdings die einzigen auf der Gästeliste mit einem nicht deutschen Namen. Beide Seiten der Gesellschaft müssen sich entwickeln und sich füreinander interessieren.

Was hat Sie zur Kandidatur für die IHK-Vollversammlung bewogen?

Yasemin Sahin: Ich engagiere mich, um in der Gesellschaft teilhaben zu können – und weil ich neugierig bin. Ich will wissen, wie Deutschland tickt, welche Netzwerke es gibt, wo sich die Leute treffen. Es hat lange gedauert, dass ich Deutschland nun als meine zweite Heimat sehe. Daher fühle ich mich dafür verantwortlich, mich in der Gesellschaft einzubringen.

Vermutungen, Migrantenunternehmen wären beschäftigungspolitisch nur von untergeordneter Bedeutung, haben keine Berechtigung.

Ökonomische Bedeutung und Leistungspotenziale von Migrantenunternehmen in Deutschland, Friedrich-Ebert-Stiftung, 2014

Studien zufolge gründen Menschen mit Migrationshintergrund häufiger im Team, bilden überdurchschnittlich viel aus, stellen öfter benachteiligte Bewerberinnen und Bewerber ein. Haben Sie dafür einen Erklärungsansatz?

Murat Vural: Mir wurde einmal die Frage gestellt, wie wir auf das System der Lernkaskade gekommen sind. Ich denke, das hängt mit der türkischen Familienkultur zusammen: Es gibt einen starken Zusammenhalt. Man hilft sich viel mehr gegenseitig und geht Probleme gemeinsam an.

Yasemin Sahin: Im Verhältnis zu unserer Mitarbeiterzahl bilden wir mehr aus als etwa die Stadtsparkasse oder die Stadtwerke Wuppertal. Von unseren Azubis sowie unseren Mitarbeitern hat niemand den perfekten Lebenslauf, dennoch leisten sie gute Arbeit. Auch mit einer Vier in Mathe kann man sich ins Rechnungswesen einarbeiten. Ich denke, wenn man Menschen eine Chance gibt, wissen die meisten das zu schätzen. Und das wiederum führe ich auf die anfangs erwähnte eigene Betroffenheit zurück.

Welche Vorteile haben Unternehmerinnen und Unternehmer mit Migrationshintergrund im Vergleich zu anderen?

Murat Vural: Wir sind Überlebenskämpfer. Weil wir mehr Hürden zu bewältigen hatten, haben wir mehr Kompetenzen entwickelt – das zeigen auch Studien über Migrantenunternehmen aus anderen Ländern. Beschränkungen und Knappheit machen aus uns kreative Problemlöser. Wer mehrere Chancen hat und geschützt ist, wenn er danebenliegt, dem fehlen diese Fähigkeiten.

Fatima Caliskan: Ich wäre da ein bisschen vorsichtiger, wir scheren alle über einen Kamm. Es kommt darauf an, wo man geboren ist, ob man Migrant zweiter Generation ist. Alter, Geschlecht oder Bildungshintergrund der Eltern wirken sich aus. Im Kulturbereich treffe ich auf Kuratoren, die aus Istanbuler Akademikerfamilien stammen. Die Hürden und Problemlagen, die ich kenne, sind denen fremd, weil sie sich von Anfang an in anderen Kreisen bewegt haben. Nimmt man uns, wie wir hier am Tisch sitzen, haben wir viel mit Bildungsaufsteigern gemeinsam, etwa einen langen Atem sowie Willensstärke und Biss.

Angeregt durch die lockere Atmosphäre im Social Impact Lab Duisburg tauschten sich die Gründer fast drei Stunden lang aus.

Drei Stunden Diskussion: Im Social Impact Lab Duisburg finden Sozialunternehmerinnen und -unternehmer die nötige Ruhe.

Im Moment ist das Thema Gründung von Migrantinnen und Migranten in der Forschung hoch im Kurs. Was halten Sie davon?

Yasemin Sahin: Es ist gut, dass das Thema in der Forschung angekommen ist. Manchmal frage ich mich, ob nicht mit dem konkreten Ziel geforscht wird, sagen zu können, dass Zuwanderer und Migranten gut für unser Land sind, anstatt diese Fragen ergebnisoffen zu untersuchen.

Murat Vural: Mich erstaunt es, dass die Forschung die Gruppe der Migranten so wenig differenziert. Zwischen einem vietnamesischen und einem türkischen Unternehmer besteht ein großer Unterschied. Ich hoffe, dass die Wissenschaft da in Zukunft besser beobachtet.

Fatima Caliskan: Die einzelnen Migrantengruppen sind meines Erachtens gut erforscht. Inwiefern sie dann in den Studien vorkommen, ist eine Frage des Willens und der politischen Entscheidung.

Nicht wenige Selbständige wechseln bewusst in ein neues Unternehmen oder nehmen eine Arbeitnehmertätigkeit allein aus dem Grund auf, weil sich hierdurch bessere Optionen bieten.

Institut für Mittelstandsforschung, Universität Mannheim, 2017

Können Sie sich einen Job vorstellen, für den Sie Ihre Selbstständigkeit an den Nagel hängen?

Fatima Caliskan: Nein. Ich habe meinen beruflichen Plan gut durchdacht und kann mir nicht vorstellen, dass es etwas Besseres gibt als das, was ich mache.

Yasemin Sahin: Alle Positionen, die mir zur Verfügung stehen könnten, würden mich einengen. Die eingeschränkte Vereinbarkeit eines Jobs in einer Führungsposition mit Familie wäre ein weiterer Grund, Nein zu sagen.

Murat Vural: Wenn ich jetzt darüber nachdenke, was es statt oder nach dem Chancenwerk geben kann, würde ich für den Verein nicht das Bestmögliche leisten. Das heißt nicht, dass ich nicht irgendwann etwas anderes tue. Aber darüber mache ich mir heute keine Gedanken.


Text: Julia Holzapfel
Fotos: Alexander Muchnik


Quellen:

KfW-Bank, 2016: https://www.kfw.de/PDF/Download-Center/Konzernthemen/Research
GründerZeiten, Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, 2017: https://www.existenzgruender.de/SharedDocs/Downloads
Institut für Mittelstandsforschung, Universität Mannheim, 2017: https://www.bmwi.de/Redaktion/DE/Downloads
Institut für Mittelstandsforschung, Universität Mannheim, 2009: http://www.institut-fuer-mittelstandsforschung.de/
Ökonomische Bedeutung und Leistungspotenziale von Migrantenunternehmen in Deutschland, Friedrich-Ebert-Stiftung, 2014: http://library.fes.de/pdf-files
Institut für Mittelstandsforschung, Universität Mannheim, 2017: https://www.bmwi.de/Redaktion/DE/Downloads

Von Haniel Stiftung

Zur Person

Fatima Caliskan, 27

hat gemeinsam mit Handan Cakir das Netzwerk ImMigra gUG gegründet, das eine Austauschplattform für Studentinnen mit Migrationsgeschichte anbietet. In drei deutschen Städten finden bereits Netzwerktreffen statt, weitere acht Städte befinden sich in der Aufbauphase. Seit April 2017 erhält ImMigra im Rahmen eines Stipendiums ideelle Förderung am Social Impact Lab Duisburg. Daneben arbeitet Fatima Caliskan als freiberufliche Kunstvermittlerin. Die 27-Jährige wurde 1990 in Hagen geboren, ihr Vater stammt aus der Türkei.
netzwerk-immigra.de

Yasemin Sahin, 35

hat nach ihrem Wirtschaftsmathematik-Studium im Bankensektor gearbeitet. 2011 gründete sie in Wuppertal die Bergische Nachhilfeschule, danach die Bergische Sprachschule. Beide bündelte sie später in der Bildungseinrichtung „International Education Centers GmbH“. Das Angebot reicht von Weiterbildungen, Sprach- und Integrationskursen über Kinderbetreuung für Mütter bis hin zu Einzelnachhilfe. Yasemin Sahin erhielt 2016 den Wuppertaler Wirtschaftspreis in der Kategorie „Jungunternehmen des Jahres“. Die 35-Jährige wurde in der Türkei geboren und kam im Alter von zwölf Jahren nach Deutschland.
internationaleducationcenters.de

Murat Vural, 42

ist geschäftsführender Vorsitzender des Vereins Chancenwerk e.V., den er 2004 gemeinsam mit seiner Schwester gegründet hat. Die Organisation bietet Lernförderung an Schulen in mittlerweile neun Bundesländern an und erreicht damit derzeit etwa 4.200 Kinder. Die Idee basiert auf der Lernkaskade: Oberstufenschüler erhalten zwei Schulstunden pro Woche kostenlos Nachhilfe von Studenten. Im Gegenzug unterstützt jeder Oberstufenschüler eine Gruppe jüngerer Schüler. Das Chancenwerk ist Teil der von der Haniel Stiftung koordinierten Kooperation „Bildung als Chance“. Murat Vural wurde in Deutschland geboren, zog im Alter von elf Jahren in die Türkei und kehrte mit 16 wieder nach Deutschland zurück.
chancenwerk.de