Bei einer Berufsorientierungsmesse konnten Schüler*innen der Aletta-Haniel- Gesamtschule auf Tuchfühlung mit potenziellen Arbeitgeber*innen gehen.
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Berufs­orientierung und Digitalisierung

Gut gerüstet für die Jobs der Zukunft

Die Arbeitswelt verändert sich: Berufsbilder wandeln sich, neue Berufe entstehen, bisher bekannte Berufe verschwinden. Um Kinder und Jugendliche fit für diesen Arbeitsmarkt der Zukunft zu machen, muss sich die Berufsorientierung in Deutschland anpassen. Einzelne Akteure versuchen, die Veränderung mitzugestalten.

Erinnern Sie sich noch, was Sie im Alter von 15 Jahren werden wollten? Wer oder was Sie bei Ihrer Wahl beeinflusst hat? Und warum Sie unter Umständen in einem ganz anderen Job gelandet sind? Wenn Jugendliche am Ende der Sekundarstufe I ankommen, müssen sie sich nicht nur mit den Turbulenzen der Pubertät auseinandersetzen, sondern auch mit der Vorstellung, was sie einmal werden wollen. Der Zeitpunkt, zu dem die Berufsorientierung an Schulen in Deutschland einsetzt, ist also ein denkbar schwieriger. Die Art, wie Jugendliche dazu angeregt werden, sich über die eigenen Fähigkeiten und Wünsche klar zu werden, ist daher umso wichtiger.

Wie sehr Jugendliche Orientierungsangebote benötigen, zeigt eine Erhebung aus dem Jahr 2014: Fast die Hälfte aller befragten Schüler*innen der letzten drei Klassen an allgemeinbildenden weiterführenden Schulen gibt an, dass ihnen die Berufswahl schwerfällt. Ein Drittel hat bereits eine konkrete Vorstellung vom eigenen Beruf, ein Fünftel hingegen gar keine.

Eine Untersuchung der Hans-Böckler-Stiftung zeigt, dass sich viele Jugendliche vor allem an ihrer Umgebung orientieren, weil ihnen andere Informationen fehlen. Statt sich mit den eigenen Talenten und Neigungen zu beschäftigen, legen viele ihren Fokus auf das Berufsfeld von Eltern und Verwandten. Auch das Internet hat daran bisher wenig geändert.

Berufsorientierung muss eine ganze Reihe an Fragen beantworten: Wie bewerbe ich mich? Wo finde ich einen Praktikumsplatz? Was liegt mir? In den einzelnen Bundesländern ist die Struktur für diesen Unterricht unterschiedlich: Während es etwa in Hamburg landesweit verbindliche Vorgaben gibt und man in Thüringen mit Rahmenvorgaben arbeitet, gibt es auch Bundesländer, in denen bruchstückhafte, teils regionale Konzepte vorherrschen.

Berufsorientierung ist Lebensorientierung

Alle haben aber eines gemeinsam: Es fehlt an personellen und finanziellen Ressourcen. „Mit ein paar Stunden Berufsorientierung bewirkt  man leider nicht allzu viel“, meint Schewa van Uden. Sie leitet das Aletta Haniel Programm in Duis­burg, zu dessen Kernthemen auch die Berufsorientierung zählt. Ihr Personal und sich selbst beschreibt sie als Lern- und Persönlichkeits­begleiter*innen, die den Kindern in den Klassen 8 bis 10 Lebensberatung anbieten. „Wir trainieren viel im Bereich der Soft Skills: Teamwork, Höflichkeit, Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit und Verantwortungsbewusstsein. Das sind Dinge, die man nicht nur im Berufsleben benötigt, sondern die im Alltag helfen.“

Elterngespräche führen, Kontakte zu Unternehmen aufbauen, Potenzialanalysen und Bewerbungstrainings durchführen: All das gehört ihrer Ansicht nach zur Berufsorientierung. „Es gibt Kinder, die trauen sich nicht, bei einem Unternehmen anzurufen und nach einem Praktikumsplatz zu fragen“, berichtet van Uden. Untersuchungen wie jene der Hans-Böckler-Stiftung von 2017  sehen die Berufsorientierungsstunden an Schulen noch immer zu sehr auf Informationsvermittlung ausgerichtet. Es fehlt die Gelegenheit für Schüler*innen, selbst Fragen zu entwickeln, Praktikumserlebnisse zu reflektieren, ihre Überlegungen zum späteren Job auch in einem größeren Konzept von Lebens- und Familienplanung zu thematisieren.

Schewa van Uden
© Talentmetropole Ruhr

Schewa van Uden leitet das Aletta Haniel Programm. Gemeinsam mit ­Pädagog*innen bietet das Programm Schüler*innen ab der 8. Klasse der Aletta-Haniel-­Gesamtschule in Duisburg Nachhilfe, Förderung und Berufsorientierung. Die Jugendlichen werden beim Übergang von der Schule in den Beruf ­unterstützt und erfahren hochgradig individuelle Betreuung.

Anstatt eine eigene Berufswahlkompetenz zu entwickeln, hangeln sich die Jugendlichen entlang von Bekanntem und selektieren so oftmals zu früh, in welchem Bereich sie arbeiten wollen. Das Alter, in dem Jugendliche ihre praktische Berufsausbildung beginnen, ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten stetig gestiegen und lag 2014 bei zwanzig Jahren. Weil sie sich aber bereits als 13-Jährige mit der Berufsorientierung auseinandersetzen, wäre eine Funktion der Lehrkräfte als Begleiter*innen essenziell, ohne dass zu schnell auf eine konkrete Tätigkeit hingearbeitet wird.

Praxisanteile der Berufsorientierung

Den Stellenwert von Praktika für Jugendliche in der Berufsorientierung bewerten Studien übereinstimmend als sehr hoch. Ein Praktikum benötigt aber Reflexion sowie Vor- und Nachbereitung, sowohl im Unternehmen als auch in der Schule. Durch adäquat betreute Praxisanteile können die Jugendlichen näher an die Arbeitswelt herangebracht werden und sich damit auch mit sich verändernden Berufsbildern auseinandersetzen.

Was hat Sie bei der Berufswahl beeinflusst, Frau van Uden?

Meine Eltern wollten immer, dass ich Ärztin oder Anwältin werde. Weil ich wusste, dass ich studieren wollte, aber nicht wusste, was, habe ich mich der Mehrheit angeschlossen und Betriebswirtschaftslehre gewählt. Ein Nebenjob als Beraterin und Übersetzerin im interkulturellen Kontext war schließlich ausschlaggebend, dass ich auf Sozialwissenschaften umgeschwenkt bin und jetzt im sozialen Bereich arbeite.

Schewa van Uden, Aletta Haniel Programm

Gut die Hälfte jener Berufe, die 15-Jährige in einer Sonderauswertung der jüngsten PISA-Studie als ihren Traumjob angeben, sind in zehn bis 15 Jahren von der Automatisierung bedroht. Weil die Orientierung an Eltern und Verwandten überwiegt, bleiben neue Berufsfelder unbeachtet, die durch die Digitalisierung entstehen. „Die Welt da draußen verändert sich schnell und radikal, der Lehrplan in Schulen aber nur langsam und minimal“, sagt Sebastian Holtze, der mit „Mission RUDI“ versucht, in Schulen mehr auf die Kompetenzen für die zukünftige, digitalere Arbeitswelt einzugehen.

Die Verknüpfung von Schulen und Wirtschaftstreibenden durch Programme wie Mission RUDI bietet darüber hinaus Vorteile, weil diese andere Methoden und Darstellungsformen nutzen und die Kinder und Jugendlichen dadurch anders ansprechen. „Bei meinem ersten Workshop haben die Kinder zwei Pausen ausfallen lassen – von sich aus“, erzählt Sebastian Holtze.

© Sebastian Holtze

Programme wie Mission RUDI wollen Kompetenzen der Schüler*innen für die zukünftige, digitalere Arbeitswelt fördern.

Tahir Hussain, der mit „21future“ ähnliche Ziele verfolgt, aber mit jüngeren Schulkindern arbeitet, bestätigt das: „Ich spreche eine andere Sprache, nutze andere Worte, habe andere Beispiele und Erfahrungen. Ich frage die Kinder nach ihren Wünschen, Fantasien und Ideen. Damit komme ich von einer anderen Seite, die im gewöhnlichen Unterricht schwer abzubilden ist.“ Auch Schulleiter*innen und Lehrkräfte empfinden den Input von außen als sehr bereichernd.

Einfluss der digitalen Infrastruktur an Schulen

Eigentlich liegt es auf der Hand: Berufsorientierung für eine digitale Arbeitswelt braucht eine Schule, in der zumindest die digitale Technik vorhanden ist. „Digitalisierung der Schule bedeutet nicht: Wir nutzen alle Tablets und Laptops. Das ist eine Voraussetzung. Es geht vielmehr um eine andere Art von Didaktik und Methodik, um fächerübergreifendes Denken und Arbeiten“, sagt Sebastian Holtze. Was er als Voraussetzung anführt, ist aber noch längst nicht in allen Schulen Realität.

Was hat Sie bei der Berufswahl beeinflusst, Herr Holtze?

Weil ich gestalterisch gut war, hatte ich überlegt, etwas in Richtung Kunst und Design zu machen. Ich habe das sehr detailliert analysiert und bin dann zu dem Schluss gekommen, dass mir in dem Bereich die Konkurrenz zu groß war und die Erfolgschancen zu gering erschienen. In einem Kombi-Studium aus Kommunikationswissenschaften und BWL fand ich die richtige Mischung aus Kreativität und strukturiertem Arbeiten.

Sebastian Holtze, Gründer von Mission RUDI

Anfang des Jahres berichtete der Tagesspiegel, dass von den fünf Milliarden Euro der Fördermittel aus dem „Digitalpakt“ erst zwanzig Millionen bewilligt wurden. Die Unterschiede zwischen den Bundesländern seien auch aufgrund der Erarbeitung der Förderrichtlinien, die mancherorts länger dauerte als anderswo, groß. Außerdem seien die Schulen unterschiedlich gut vorbereitet gewesen. Wer von den Zuschüssen profitieren will, muss adäquate Medienentwicklungskonzepte vorlegen.

Sebastian Holtze
© PwC Germany

Sebastian Holtze ist Gründer von Mission RUDI – Schule Rhein-Ruhr startet in die digitale Zukunft. Mit Unterrichtsmodulen, Workshops oder Exkursionen zu Start-up-­Messen versuchen er und seine Unterstützer*innen ehrenamtlich, ­Kindern und Jugendlichen ab Klasse 9 digitale, unternehmerische und zukunftsträchtige ­Praxisimpulse anzubieten und ihre Kompetenzen zu stärken.

Der Digitalverband Bitkom sieht die Digitalpakt-Mittel nur als erste Investitionsförderung. „Digitalisierung an Schulen ist eine Daueraufgabe“, schreibt der Verband und zitiert aus einer Bertelsmann-Studie, wonach jährlich rund 2,8 Milliarden Euro benötigt würden, um Wartung und Nutzung der Geräte sicherzustellen sowie das Personal laufend auf den neuesten Stand zu bringen. Derzeit beklagen 74 Prozent der Lehrkräfte im Land, dass es an Personal fehle, das sich um die Technik kümmere. Ein ähnlich großer Anteil spricht sich dafür aus, dass regelmäßige Fortbildungen zu digitalen Methoden obligatorisch sein sollten.

Tahir Hussain
© Tahir Hussain

Tahir Hussain ist Gründer und Geschäftsführer von 21future, einer gemeinnützigen Initiative, die Schüler*innen der Klassen 4 bis 7 Sozial-, Lebens- und Digitalkompetenzen vermitteln will. Im Rahmen einer einwöchigen Lernreise werden individuelle Themen von den Kindern und Jugend­lichen erarbeitet, präsentiert und ­reflektiert. Nach seinem Management-Masterstudium an der London School of Economics arbeitete ­Hussain mehrere Jahre bei großen Konzernen wie Amazon oder Bertelsmann.

Von wegen Digital Natives

Welche Auswirkungen die mangelnde Ausstattung auf die Fähigkeiten der hiesigen Schüler*innen hat, zeigt die Vergleichsstudie ICILS (International Computer and Information Literacy Study): Eines von zehn Schulkindern nutzt in der Schule täglich einen Computer, knapp ein Drittel der Achtklässler*innen hat nur rudimentäre digitale Kompetenzen. Was das bedeutet, weiß Schewa van Uden aus der Praxis: „Ein Kind hatte seinen Lebenslauf auf dem PC zu Hause erstellt und abgespeichert. Als es zu mir kam, mit der Bitte, diesen auszudrucken, war es erstaunt, als ich ihm erklärte, dass ich darauf von hier aus nicht zugreifen könne.“ Die Kinder beherrschten zwar die Apps auf ihrem Handy; wie sie ein Word-Dokument erstellen oder was der Unterschied zwischen Soft- und Hardware ist, wissen sie oft nicht. „Digitale Alltagskompetenzen sind da, Arbeitskompetenzen fehlen häufig. Diese Kinder sind nicht unbedingt Digital Natives“, resümiert van Uden.

© Tahir Hussain

Die Initiative 21future sieht ihren Beitrag als Ergänzung zum bestehenden Schulsystem, um Kinder und Jugendliche besser auf zukünftige Herausforderungen vorzubereiten.

Tahir Hussain, der die digitalen Kompetenzen 11- bis 15-Jähriger stärken will, weist auf einen weiteren Punkt hin: Kinder lernten zwar schnell, wie man ein Tablet bedient; am gekonnten, wachsamen und lösungsorientierten Umgang mit den Möglichkeiten der Technik mangele es aber. Das bestätigt Bitkom-Präsident Achim Berg, der einen Grund dafür in Netzsperren und Filter-Software sieht, die neun von zehn Schulen in Deutschland einsetzen. Schüler*innen seien vor Gewalt, Pornografie oder Extremismus zu schützen, doch ob das durch Blockaden und Sperren langfristig gelinge, sei fragwürdig. „Verbote machen überhaupt erst neugierig“, so Berg in einer Erklärung. Ein ähnliches Bild zeigt sich bei der Smartphone-Nutzung: Auf dem Schulhof sind sie allgegenwärtig, im Unterricht werden sie aber nur von einer bzw. einer von zehn Lehrer*innen eingesetzt. Statt die Geräte zu verbieten, könnten sie auch aktiv und produktiv im Unterricht eingesetzt werden.

© Tahir Hussain

Tahir Hussain von 21future will Schüler*innen Kompetenzen vermitteln, die im herkömmlichen Schulunterricht bisweilen untergehen: Neugier, Selbstständigkeit und Kooperations- und Kritikfähigkeit.

Welche Kompetenzen erfordert die Arbeitswelt von morgen?

Zwar unterscheiden sie sich in Namen und Ausprägung, aber vom Grundsatz her wollen das Aletta Haniel Programm, Mission RUDI und 21future ähnliche Kompetenzen vermitteln, die weit über rein technisch-digitale Fähigkeiten hinausreichen.

„Wir müssen erst einmal Lebens­orientierung bieten, ehe wir uns um die berufliche Orientierung kümmern können“, erklärt Schewa van Uden. Deshalb erleben die Teilnehmer*innen des Programms in den sogenannten Berufsorientierungscamps auch Input zu Tischmanieren, Dresscodes im Arbeitsalltag, gewaltfreier Kommunikation oder zum Verhalten in Gruppen. Die Ergebnisse unterliegen keiner Bewertung. „Noten geben Kindern das Gefühl einer Hürde. Wer aber sagt: ‚Mach einfach, egal wie, ich bin da und helfe dir’, erlebt Kinder, die sich mehr zutrauen“, betont die Programmleiterin.

Was hat Sie bei der Berufswahl beeinflusst, Herr Hussain?

Als Jugendlicher wollte ich erst Berufsfußballer werden. Ich war auch in der Münchener Auswahl, habe aber früh gemerkt, dass mein Talent nicht reicht. Die Orientierung kam erst durch die ersten studienbegleitenden Praktika: Ich entdeckte, dass ich jemand bin, der gerne führt und gestaltet – und sich Unbekanntem aussetzt. Nach Erfahrungen in mehreren Ländern bei Amazon und Bertelsmann arbeite ich heute als selbstständiger Unternehmensberater und Sozialunternehmer.

Tahir Hussain, Gründer und Geschäftsführer von 21future

Auch Sebastian Holtze sieht das Konzept der Noten konträr dazu, was die Arbeitswelt heute einfordert. „Die Angst davor, Fehler zu machen, muss verschwinden“, stellt der Unternehmensberater klar. In der Produktentwicklung heute gehöre das Scheitern dazu: Nur durch Testen, Ausprobieren und Abändern könne man bessere Produkte hervorbringen. „Aber keine Lehrkraft sagt: ‚Dieser Rechenweg war eine gute Idee, zwar bist du nicht beim richtigen Ergebnis angelangt, aber ich gebe dir trotzdem Punkte.‘“

© Aletta Haniel Programm

90 Prozent der Berufe erfordern zukünftig digitale Kompetenzen, doch vielen Arbeitskräften fehlen grundlegende Computer-Skills. Das wollen Programme wie das Aletta Haniel Programm ändern.

Tahir Hussain hat sein Programm mit dem Slogan „Es schlummert in Dir – wecken wir es auf“ untertitelt. Er will bei den Kindern Neugier, Mut und Kreativität fördern. Als zentrale jener elf Kompetenzen, die er für 21future festgelegt hat, sieht er die Selbstverantwortung. „Gelingt es, den inneren Motor der Kinder anzutreiben, dann sind andere Fähigkeiten wie Neugier und Kreativität Selbstläufer. Deshalb sagen wir auch: ‚Wir helfen dir, aber am Ende bist du selbst verantwortlich.‘“

Vorbereitung auf das lebenslange Lernen

Das Bundesinstitut für Berufsbildung hat Fachkräfte, Vorgesetzte und Auszubildende befragt, worauf es bei den Arbeitskräften der Zukunft ankommen wird, damit sie der Dynamik sich ändernder Aufgaben entsprechend begegnen können: Neben berufsspezifischem Können und Wissen geht es um Lernkompetenz, Prozess- und Systemverständnis, Flexibilität und Spontaneität sowie IT- und Softwarekenntnisse.

Beim Stichwort Lernkompetenz berichtet Sebastian Holtze, der in seiner Tätigkeit als Berater auch mit Start-ups in Kontakt kommt, dass es in Deutschland immer noch zu wenig Anreize gebe, Gründer*in zu werden. In den Köpfen junger Menschen seien die klassischen Berufe mit den klassischen Karrierewegen. „Unternehmen werden kommen und gehen, Berufe sich verändern. Wir müssen die Kinder an den Gedanken gewöhnen, dass sie öfter den Job wechseln werden.“ Ein*e Busfahrer*in etwa könne zur bzw. zum Buskoordinator*in werden, sobald das autonome Fahren zur Regel wird. Das bedinge erweiterte Kompetenzen.

Tahir Hussain bestätigt das: „Unser System bildet immer noch Arbeitskräfte aus, die ihr Leben lang in einem Unternehmen bleiben. Doch das ist schon jetzt nicht mehr die Realität. Neues zu entwickeln, unbekannte Richtungen auszuprobieren, Mut zum radikalen Umdenken – das alles ist nicht Teil unserer DNA in Deutschland.“ Mit ihren Projekten wollen Holtze und Hussain ihren Beitrag zur Veränderung des Systems leisten.

Schewa van Uden arbeitet mit dem Aletta Haniel Programm in eine ähnliche Richtung. Als oberstes Ziel steht bei ihr aber, dass die Kinder grundsätzlich einen Beruf erlernen. „Wenn ein Junge Bürokaufmann werden möchte, sage ich ihm nicht, dass es diesen Beruf in 15 Jahren nicht mehr geben wird, aber bereite ihn darauf vor, dass er nicht bis zur Rente die gleiche Tätigkeit ausführen kann.“

Prozessdenken und IT-Kenntnisse

Auch das in der Studie geforderte Prozess- und Systemverständnis kommt im Aletta Haniel Programm zur Sprache – auf einer grundsätzlichen und alltagsnahen Ebene. Die Leiterin erzählt, dass viele Kinder Probleme damit haben, wenn sie nicht drankommen, obwohl sie aufzeigen. „Wir reflektieren die Situation mit ihnen und motivieren sie, nicht nur die eigene Perspektive einzunehmen, sondern das große Ganze zu sehen. Vielleicht weiß ja die Lehrerin bereits, dass die Person gut mitgearbeitet hat.“

Laut einer EU-Erhebung erfordern zukünftig 90 Prozent der Berufe digitale Kompetenzen. Dennoch fehlen sechs von zehn Arbeitskräften in den OECD-Mitgliedsstaaten grundlegende Computer-Skills. Die Frage der IT- und Softwarekenntnisse muss daher im Wissen sich verändernder Arbeitsbedingungen betrachtet werden. Die Forderung von Bitkom, Informatikunterricht für alle ab der 5. Klasse anzubieten, befürworten alle drei Programmleiter. Für Sebastian Holtze geht das aber nicht weit genug. Er erzählt von seinem Biologie-Abi und fragt sich, warum der Bereich Biotechnologie überhaupt nicht vorkam. „Das Thema Digitalisierung geht in der Schule oft sehr in Richtung Technik und Informatik, aber das alleine ist es nicht. Berufe wie Data Scientist oder IT Security Officer sind heute gefragt, aber es gibt sie erst seit ein paar Jahren. Und jedes Jahr kommen neue Berufe dazu.“

Ähnlich sieht es Tahir Hussain. Es sei unwesentlich, welche Programmiersprache Jugendliche heute lernten; wichtig sei Wissen darüber, wie Hard- und Software zusammengehören, um auch jene Berufe in Betracht ziehen zu können, die sich erst noch entwickeln.

© Alexander Muchnik

Das Aletta Haniel Programm motiviert die Schüler*innen, sich über ihren Berufseinstieg Gedanken zu machen.

Technische Ausstattung, Wissen über Didaktik und Methodik, ausreichend Praxisbezug, Training der Soft Skills, individuelle Begleitung der Jugendlichen: Die Liste an offenen Aufgaben, die sich für die Berufsorientierung an deutschen Schulen stellen, ist lang. Menschen wie Schewa van Uden, Sebastian Holtze und Tahir Hussain warten nicht, bis Systeme sich verändern, sondern versuchen mit ihren Initiativen, einen Beitrag zu leisten. Sie helfen Jugendlichen, sich trotz wandelnder Bedingungen auf dem zukünftigen Arbeitsmarkt zurechtzufinden.

Von Haniel Stiftung

Aletta Haniel Programm

Das Aletta Haniel Programm bietet Schüler*innen Unterstützung in ihrem Wunsch nach einem guten Schulabschluss und einer positiven Zukunftsperspektive. Im Mittelpunkt steht dabei der erfolgreiche Übergang von der Schule in die Ausbildung und den Beruf.

Chancengeber

Das im Jahr 2009 ins Leben gerufene Aletta Haniel Programm richtet sich an Schüler*innen ab der 8. Klasse.

Seit 2009 setzen sich im Rahmen des Aletta Haniel Programms die ­Kooperationspartner des Kommunalen Integrationszentrums der Stadt Duisburg, der Aletta-Haniel-Gesamtschule und der Haniel ­Stiftung für einen umfassenden Berufsorientierungsprozess für ­Schüler*innen ab der 8. Klasse ein. Die Förderung umfasst den ­Unterricht, individuelle Lernbegleitung, Elternarbeit, Sozialkompetenztrainings oder Berufsorientierungscamps für bis zu 25 Teilnehmende pro Schuljahr.

Nach zwei erfolgreichen Projektphasen entschieden sich die ­Kooperationspartner bereits im Jahr 2018 für eine Verlängerung des Projektes bis 2023.

 

Mehr Informationen: https://www.haniel-stiftung.de/bildungschancen/aletta-haniel-programm