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Interview mit Prof. Dr. Achim Kemmerling

Fragen nach der sozialen Gerechtigkeit

Seit ihrer Gründung unterstützt die Haniel Stiftung die Willy Brandt School of Public Policy der Universität Erfurt unter anderem mit der Startfinanzierung von strategisch wichtigen Professuren. Zu diesen gehören der Franz Haniel Chair of Public Policy, die Aletta Haniel Professur for Public Policy and Entrepreneurship sowie seit 2017 die Gerhard Haniel Professur for Public Policy and International Development. Letztere hat seit Kurzem Professor Doktor Achim Kemmerling inne. Wir haben ihn gefragt, was den Ausschlag für den Eintritt in die WBS gegeben hat und welchen Forschungsinteressen er in den nächsten Jahren nachgehen wird.

Nach mehreren Jahren in Budapest sind Sie nun an der Willy Brandt School of Public Policy tätig. Was gab den Ausschlag für den Wechsel?
Ich hatte private und berufliche Gründe. Meine Frau ist wegen einer neuen Arbeitsstelle nach Deutschland zurückgekehrt, und auch die politischen Verhältnisse in Ungarn wurden schwieriger: So war mein damaliger Arbeitgeber, die Central European University in Budapest, in seiner Existenz bedroht, und insgesamt verschlechterte sich im Land das Klima gegenüber Ausländern. Nach acht Jahren wollte ich aber auch beruflich mal wieder etwas Neues ausprobieren – und die Willy Brandt School klingt nach einer neuen Herausforderung für mich.

Was schätzen Sie an der Willy Brandt School besonders?
Mir gefällt die Grundidee der WBS. Ein solches Institut in Deutschland zu gründen war sehr innovativ. Dass die WBS in Ostdeutschland ist, finde ich dabei besonders bemerkenswert, denn normalerweise werden solche Schulen in den politischen und akademischen Machtzentren gegründet. Die WBS setzt da bewusst auf eine alternative Strategie: Die Ideen sollen zu den Leuten kommen, nicht wie sonst die Leute zu den Ideen. Abgesehen davon ist Public Policy in Deutschland noch nicht so anerkannt wie in den angelsächsischen Ländern. Deutsche Studiengänge wie Verwaltungs- oder Politikwissenschaft bilden häufig nicht genau ab, was Public Policy ausmacht – nämlich Interdisziplinarität, der Fokus auf Politikproblemen und -lösungen, die Mischung aus Anwendungsorientierung und Theoriefundierung.

© Hamish John Appleby

Worin begründet sich Ihr großes Interesse, internationale Studenten zu betreuen?
Das liegt zum einen an meinem Forschungs- und Lehrbereich. Ich arbeite immer international vergleichend und habe ein großes Interesse an nicht europäischen Ländern. Ich bin dabei weniger von konkreten geografischen Interessen geleitet, sondern eher von faszinierenden politischen und sozialen Konstellationen. Internationale Studenten bringen jedoch auch eine vollkommen andere Lebensperspektive in die Veranstaltungen mit. Dabei ist es am Anfang nie ganz leicht, diesen Studierenden offen zuzuhören. Sie sind oft sehr zurückhaltend und kommen häufig mit völlig anderen, zum Teil existenziellen Problemen oder aus politisch schwierigen Umfeldern. Die Sensitivität im Umgang mit bestimmten Themen ist somit naturgemäß eine andere, und man kann als Dozent viel falsch machen. Doch mit der Zeit findet ein echtes gegenseitiges Lernen statt, von dem hoffentlich beide Seiten profitieren.

Welche Erfahrungen, die Sie an der Universität in Budapest gemacht haben, kommen Ihnen bei Ihrer neuen Professur zugute?
Vom Profil her unterscheiden sich die WBS und die Budapester School of Public Policy gar nicht so stark. Der Umgang mit internationalen Studenten, mit unterschiedlichsten beruflichen oder akademischen Hintergründen ist sehr ähnlich. Auch sind die Studierenden ähnlichen Herausforderungen ausgesetzt. Wenn wir hier denken, sich im deutschen System, der deutschen Sprache und der deutschen Bürokratie zurechtzufinden sei schwierig, dann gilt das noch viel mehr für internationale Studenten, die nach Ungarn kommen – vor allem in der derzeitigen politischen Lage des Landes.

Ihre Forschungsschwerpunkte liegen auf international vergleichender Sozial- und Wohlfahrtspolitik sowie auf Entwicklungsthemen. Was macht diese Gebiete für Sie so spannend?
Ehrlich gesagt müsste ich mir eine gewisse Besessenheit mit Fragen der sozialen Gerechtigkeit attestieren. Das Faszinierende daran ist, dass Menschen sehr unterschiedliche Vorstellungen darüber haben, was gerecht ist. Aus dieser Spannung heraus entsteht der Reiz. Konkret ist der internationale Vergleich aber auch eine der wenigen Möglichkeiten, sich ein Bild darüber zu machen, welche Art von Armuts- und Ungleichheitsbekämpfung wirksam ist. Darüber hinaus empfand ich thematische und disziplinäre Grenzen in meinem eigenen Werdegang eher als hinderlich. Man kann beispielsweise unendlich viel lernen, wenn man Entwicklungspolitik aus der sozialpolitischen Perspektive betrachtet. Und umgekehrt.

© Hamish John Appleby

Wie kann die deutsche Sozialpolitik Ihrer Ansicht nach auf Armut und Ungleichheit eingehen?
Für einige Probleme gibt es bereits Ideen, zum Beispiel eine Bürgerversicherung im Gesundheitssystem oder das bedingungslose Grundeinkommen. Das aus meiner Sicht Entscheidende ist die Frage, wie man politische Mehrheiten für solche Lösungen gewinnen kann. Es gilt, objektiv zu schauen, welche Konditionen beispielsweise eine neue Art der sozialen Grundsicherung erfüllen muss, damit sie vom Großteil der Gesellschaft mitgetragen wird. Die subjektive Komponente ist jedoch häufig die wichtigere. Großen Teilen der Mittelschicht ist etwa ein bedingungsloses Grundeinkommen vermutlich deshalb suspekt, weil es ihrer Gerechtigkeitsvorstellung zuwiderläuft. Wer etwas vom Staat bekommen will, muss auch etwas dafür leisten. Bevor man in diesem Bereich etwas reformieren will, muss man also erst mal verstehen, wie Menschen instinktiv auf solche Reformvorschläge reagieren.

Ist eine international vergleichende Perspektive bei solchen Prozessen hilfreich?
Unbedingt. Dadurch, dass ich lange Zeit im Ausland gelebt habe, sehe ich deutlich, wie deutschlandzentriert viele Debatten sind. Den Wahrnehmungshorizont der deutschen Politik und Öffentlichkeit zu öffnen ist eine der vielleicht schwierigsten Herausforderungen von Politik und Wissenschaft. Das zeigen auch die jüngsten Ereignisse, wie zum Beispiel die sogenannten Flüchtlings- und Schuldenkrisen in Europa.

Von Haniel Stiftung

Professor Doktor Achim Kemmerling …

… promovierte an der Freien Universität Berlin in Politikwissenschaft. Seine Doktorarbeit behandelt die politisch kontroverse Frage, wie der Niedriglohnsektor im internationalen Vergleich steuerlich und sozialpolitisch behandelt wird. Kemmerling war zunächst am Wissenschaftszentrum Berlin und an der Jacobs University Bremen tätig, bevor er für acht Jahre als Professor für politische Ökonomie an die Central European University in Budapest ging. Seitdem beschäftigt er sich beruflich mit den Themen Armuts- und Ungleichheitsbekämpfung in Europa, aber auch weltweit. Derzeit hat Kemmerling eine Professur an der Willy Brandt School of Public Policy inne und schreibt an einem Buch zur Idee gesellschaftlichen Fortschritts. Neben seiner akademischen Tätigkeit ist er außerdem immer wieder an Kooperationen beteiligt, so zum Beispiel jüngst an einem hochschulpolitischen Projekt der Zusammenarbeit mit mehreren burmesischen Universitäten.

© Achim Kemmerling