© Marcus Glahn
Prof. Dr. Andreas Goldthau im Interview

Die gesellschaftspolitischen Fragen der Energiewende

Seit August 2019 ist Andreas Goldthau Franz Haniel Professor für Public Policy an der Willy Brandt School. Im Interview spricht er darüber, warum die Energiewende eine globale Frage ist, welche inhaltlichen Schwerpunkte er in Erfurt setzen will und wie er als Wissenschaftler soziale Medien nutzt.

Herr Prof. Dr. Goldthau, wie kam es zu Ihrem Wechsel von London nach Erfurt?
In Großbritannien hatte ich eine Professur für Internationale Beziehungen. Das ist eine Disziplin, die mir sehr nahe ist. Mein Forschungsfeld liegt aber im Bereich Public Policy. Das hatte ich in London ein Stück weit verlassen und die Willy Brandt School war eine Gelegenheit, zu meinen Wurzeln zurückzukehren. Aber für so einen Schritt gibt es nie nur einen Grund.

Der internationale Charakter der WBS ist einzigartig, vor allem in Deutschland.

Andreas Goldthau, Professor für Public Policy

Welche Rolle spielte der Brexit für Ihren Wechsel?
Der Brexit erzeugte Unsicherheit. Die Perspektive und das rechtliche Rahmenwerk für Europäerinnen und Europäer in Großbritannien waren lange unklar. Es drehte sich viel um unsere zukünftige rechtliche Stellung und nicht darum, wie man Studiengänge weiterentwickelt, Forschungen formuliert und die Gelder dafür einwirbt. Die Unsicherheit veränderte zunehmend die Personalstruktur und die Fördermöglichkeiten an britischen Hochschulen. Alles zusammen führte dazu, dass ich mir andere Angebote angesehen habe. 

Und bei der Willy Brandt School haben Sie ganz genau hingeschaut?
Ich hatte Erfurt schon immer im Blick, insbesondere während meiner Zeit an der Central European University. Man beobachtet seine Wettbewerber, denn derlei Hochschulen gibt es nur wenige. Keine hat einen derart internationalen Charakter wie die WBS – das ist einzigartig, vor allem in Deutschland. Auch der thematische Outlook reizte mich: Häufig ist die Sicht in Europa OECD-lastig. Wir sind aber weltweit nicht mehr der wichtigste Kontinent. Die WBS betrachtet den globalen Süden und verlässt die eurozentrische Perspektive.

Sie haben vor drei Monaten angefangen. Beschreiben Sie Ihren – nun schon etwas gefestigten – ersten Eindruck.
Da ist zum einen das inhaltliche Umfeld: Die Franz Haniel Professur für Public Policy, die Gerhard Haniel Professur für International Development und die Aletta Haniel Professur für Entrepreneurship ergänzen sich zu einem thematischen Dreieck. Die Felder International Conflict Management und Security komplementieren es ideal.

Zum anderen ist die WBS als Leuchtturm-Projekt für die Universität sehr wichtig. Das gibt uns eine Freiheit, Dinge zu tun, die nicht dem Schema F eines deutschen Studienganges folgen müssen: die Art und Weise wie wir lehren, wie wir mit dem Master-Studiengang agieren, die Formate mit denen wir arbeiten. Diese Freiräume schätze ich sehr.

Wie ist Ihr Eindruck von den Studierenden?
Die Studierendenschaft hat meine Hoffnungen übertroffen. Sie kommen aus allen Teilen der Erde, haben Hintergründe von Pharmazie bis Soziologie und Arbeitserfahrung von UNO bis zu regionalen NGOs. Das ist in der Lehre extrem bereichernd.

Die Studierendenschaft mit ihren diversen Hintergründen ist in der Lehre extrem bereichernd.

Andreas Goldthau, Professor für Public Policy

Sie lehren Global Public Policy, ihr Forschungsschwerpunkt liegt auf Energiepolitikforschung. Kann man den Bereich Global Public Policy überhaupt bearbeiten, ohne Fragen zur Energiepolitik zu stellen?
Bei Themen wie Entwicklung, Migration, Klimawandel oder Energie ist der Nationalstaat als Problemlöser nicht mehr geeignet. Auch Fragen der Energiewende muss man auf globaler Ebene stellen. Kein einzelnes Land besitzt alleine die notwendigen Technologien, die Wertschöpfungsketten sind weltumspannend.

Der Nationalstaat ist dafür die falsche Policy-Ebene. Zugleich benötigen wir den Staat als starken Policy-Akteur. Zusätzlich kommen weitere Spieler aufs Feld: private Organisationen, die Technologien und Know-How anbieten und Standards setzen. Das ergibt eine Spannung, die sich nicht einfach auflösen lässt. Ich finde es interessant, welchen Beitrag unterschiedliche Akteure in diesen Feldern mit transnationalem Charakter leisten.

Was reizt Sie konkret an Fragen der Energiewende?
Dort, wo mein Forschungsschwerpunkt wurzelt, geht es um Öl und Gas. Das sind private Güter: Sie haben einen Preis, werden verkauft, jemand produziert und jemand konsumiert – ein klassischer Markt. Gleichzeitig hängt der Wohlstand ganzer Staaten davon ab. Das private Gut hat Charakteristika eines öffentlichen Gutes und der Markt erhält eine politische Komponente. Wollen wir von Öl und Gas loskommen, werden dieselben Fragen virulent: Wie können Volkswirtschaften den Übergang zu einem nicht-fossilen Energiesystem schaffen? Der duale Charakter eines privat-öffentlichen Gutes spielt auch bei erneuerbaren Energien eine zentrale Rolle und berührt fundamental soziale und ökonomische Faktoren.

Bei Themen wie Entwicklung, Migration oder Energie ist der Nationalstaat als Problemlöser nicht mehr geeignet.

Andreas Goldthau, Professor für Public Policy

Wo wollen Sie inhaltliche Schwerpunkte für Ihre Professur setzen?
Die Energiewende berührt alle Aspekte unseres Daseins: von der Frage, wie wir von A nach B kommen, bis zu den gesellschaftlichen Modellen, die wir zukünftig leben wollen. Geld, Technologie und Wissen sind global sehr ungleich verteilt. Die Dekarbonisierung kann zusätzliche Ungleichheiten erzeugen. Über die ökonomischen und technologischen Aspekte der Energiewende wird gesprochen, aber was bedeutet sie gesellschaftspolitisch und welche Antworten findet die Public Policy? Diese Fragen treiben mich um und ich möchte es zu einem Teil dessen machen, was diesen Lehrstuhl ausmacht. 

Wie gelangen Ihre Forschungsergebnisse gezielt zu Entscheidungsträgern in der Politik?
Ich bin regelmäßig in Brüssel zu Gast, spreche bei der EU-Kommission oder in Ausschüssen im europäischen Parlament. In Deutschland habe ich unter anderem Kontakt zum Außen- und Wirtschaftsministerium. Es geht darum, Erkenntnisse zielgenau in den politischen Prozess hineinzufüttern – immer mit der Vorgabe, nur ein Deutungsangebot zu machen. Mit Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträgern muss man klar kommunizieren und Ergebnisse anders aufbereiten. 

Sie bereiten Ihre Ergebnisse auch für die Öffentlichkeit auf und sind auf Twitter sehr aktiv. Welche Rolle spielen soziale Netzwerke für die Wissenschaft?
Das Zeitalter, in dem man einen Artikel geschrieben und darauf gewartet hat, dass ihn jemand findet, ist vorbei. Die Meinungsvielfalt ist groß, der Diskurs ist breit und intensiv. Um selbst eine Rolle zu spielen, muss man sich aktiv einbringen. Auf Twitter finde ich eine thematische Community, die nicht rein akademisch ist: Leute aus der Wissenschaft, aus dem Policy-Bereich oder aus Firmen. Twitter ist auch eine wichtige Informationsquelle für mich. Ich poste also nicht nur, ich profitiere davon.

Von Haniel Stiftung

Professor Doktor Andreas Goldthau

hat seit August 2019 die Franz Haniel Professur an der Willy Brandt School of Public Policy der Universität Erfurt inne. Davor leitete er den Lehrstuhl für Internationale Beziehungen am Royal Holloway College der Universität London und war Professor an der School of Public Policy der Central European University. Er forscht im Bereich der internationalen politischen Ökonomie der Dekarbonisierung und Global Energy Governance. Derzeit leitet er außerdem eine Forschungsgruppe am Potsdamer Institute for Advanced Sustainability Studies, die die systemischen Auswirkungen der Energiewende im globalen Süden untersucht.