© Sven Lorenz
BILDUNG ALS CHANCE

Wie Kommune und Stiftung zusammenarbeiten können

Auf dem Treffen des Stiftungsnetzwerkes Ruhr in Duisburg-Marxloh wurde am 12.07.2018 das Kooperationsprojekt „Bildung als Chance“ vorgestellt. Dabei stand die Frage im Fokus, wie Stiftungen und Kommunen zusammenarbeiten können. Anna-Lena Winkler von der Haniel Stiftung sprach darüber mit Klaus Peter Müller, dem Leiter des Bildungsbüros Duisburgs.

Herr Müller, was ist Ihrer Erfahrung nach die Rolle der Kommune und des Bildungsbüros für ein Projekt wie 'Bildung als Chance'? Was ist für Sie das Besondere in der Zusammenarbeit zwischen der Kommune und Stiftungen?

Die Kommune weiß, wo der Schuh drückt und wo Unterstützungsbedarf ist. Sie kann so für Akteur*innen Türen öffnen. Nehmen Sie zum Beispiel das 'Handlungsforum 4 - Guide Schulische Problemlagen', das im Rahmen der Bildungsregion entstanden ist. Hier sprechen wir mit entsprechenden Akteur*innen im Themenfeld, wie man die Schulabbrecherquote senken kann. Es ist sogar ein Guide daraus hervorgegangen. Durch solche Angebote der Kommune können Stiftungen für ihre Projekte Kontakte knüpfen, sich vernetzen und verbinden. Als Kommune können wir aber auch eine Mittler-Rolle zwischen Stiftungen und Schulen einnehmen oder auch in anderer Weise unterstützen. Ich will Ihnen die Möglichkeiten der Zusammenarbeit ganz kurz am Beispiel 'Bildung als Chance' verdeutlichen:

Natürlich ist für eine gute Zusammenarbeit wichtig, dass man ein gemeinsames Ziel verfolgt. Bei 'Bildung als Chance' ist dies, benachteiligte Kinder und Jugendliche so zu unterstützen, dass deren Chancen auf Bildungsteilhabe steigen und sie sich entsprechend ihrer Möglichkeiten an den Schulen entwickeln können. Kommunikation ist natürlich wie immer ein großes Thema. So gibt es regelmäßige Abstimmungsgespräche zwischen der Haniel Stiftung, den Projektpartnern Teach First Deutschland, apeiros, Chancenwerk und der Kommune, vertreten durch das Bildungsbüro. Wir haben immer ein offenes Ohr für die Anliegen und helfen wo wir können. So können wir als Kommunen bei der Ermöglichung von Landesbeteiligungen oder der Gewinnung von weiteren Förderer*innen unterstützen. Wir können helfen, das Projekt bekannter zu machen, indem wir auf die Kooperation bei Bildungskonferenzen, Pressegesprächen oder in Pressemitteilungen hinweisen. Der Kontakt zur Schulaufsicht kann über uns im Bedarfsfall möglich gemacht werden. Es gibt viele verschiedene Möglichkeiten der Unterstützung. Wichtig ist: Kommen Sie auf uns zu und binden Sie uns ein, denn wir können viel voneinander lernen. So habe ich erst durch unsere Zusammenarbeit das Konzept des 'Collective Impact's' kennengelernt, was auf gemeinsames Wirken abzielt.

 

Frau Winkler, könnten Sie uns etwas genauer erklären, was hinter dem Konzept von Collective Impact steckt?

Ziel des Ansatzes von 'Gemeinsam Wirken' ist es, runtergebrochen auf unser Projekt, dass die aufeinander abgestimmten Ansätze die Schüler*innen bestmöglich unterstützen und Schulen gezielter angesprochen werden können. Es ist klar, dass das Konzept nicht für alle Schulen passt oder dass nicht alle Schulen Kapazitäten für alle Projekte der drei Sozialunternehmen haben. So wirken an manchen Schulen auch nur ein oder zwei Partner. Zentral ist es, dass wir gemeinsam auftreten und kommunizieren. Das ist für alle Seiten von Vorteil, da so die Vielfalt von Angeboten klarer wird.

Was hinter dem Konzept von 'Gemeinsam Wirken' steht, lässt sich an fünf Punkten darstellen:

1. Wie vorhin schon angemerkt haben wir ein gemeinsames Ziel: Wir wollen bildungsbenachteiligte Kinder und Jugendliche bestmöglich unterstützen.

2. Wir haben eine Koordinierungsstelle, an der die Fäden zusammenlaufen. Diese übernimmt die Haniel Stiftung, um hier Informationen zu bündeln und allen zur Verfügung stellen zu können.

3. Wir arbeiten daran, dass sich unserer Einzelaktivitäten immer besser an den jeweiligen Schulen ergänzen. Auch hier gibt es keine Blaupause, die für alle gilt. Wichtig ist, dass wir uns immer die jeweilige Schule anschauen und gemeinsam auch mit der Schule überlegen, was dort gebraucht wird und wie die Zusammenarbeit gewinnbringend sein könnte.
Ein Beispiel, das die Wirkung und die Chancen von BaC zeigt, ist das Elly-Heuss-Knapp-Gymnasium in Marxloh. Teresa Wilmes war dort bis 2017 als Teach First-Fellow tätig. Sie etablierte im Rahmen von 'Bildung als Chance' und ihrem Einsatz für Marxloh einen Schul- und Stadtteilgarten, den sie durch die Entwicklungsgesellschaft Duisburg (EG DU) querfinanzierte. Durch die Förderung der Haniel Stiftung und dem eigens aufgebrachten Anteil der Schule an den Gehaltskosten konnte der Nachfolger von Frau Wilmes, Philipp Noack, nahtlos im Sommer 2017 an der Schule starten. Im Schulteam lernte er auch apeiros und Chancenwerk kennen und tauscht sich nun regelmäßig mit den Mitarbeitenden aus. Er hat die Innensicht und unterstützt damit aktuell apeiros bei der Einführung der Software in den Internationalen Willkommensklassen. Auch vermittelt er Schüler*innen seiner Klassen in die Lernbetreuung des Chancenwerks. Seit dem letzten Treffen im Schulteam nutzt jetzt auch das Chancenwerk den Schulgarten – als offenes Klassenzimmer für die Lernbetreuung.

4. Hinzu kommt, dass alle Beteiligten sich regelmäßig in verschiedenen Formaten austauschen. So können bereits im Tun Herausforderungen gesehen werden und direkt angepackt werden. Von besonderer Bedeutung ist dabei die Beteiligung der Mitarbeitenden, die an den Schulen arbeiten.

5. Und natürlich versuchen wir auch immer wieder, innezuhalten und unser Wirkung zu überprüfen: sind wir auf dem richtigen Weg? Was haben wir vielleicht übersehen? Ist es für uns alle immer noch ein Mehrwert, in der Kooperation zu sein?

Kommen Sie auf uns zu und binden Sie uns ein,
denn wir können viel voneinander lernen.

Klaus-Peter Müller

Herr Müller, was ist denn aus Ihrer Sicht der Mehrwert eines solchen Kooperationsprojektes und was sind die Herausforderungen und Schwierigkeiten?

Also vielleicht gehe ich zuerst auf die Herausforderungen ein. Eine Schwierigkeit ist es natürlich, überhaupt erstmal belastete Schulen mit der Projektidee zu begeistern und für eine Kooperation zu gewinnen. Aus einer solchen Kooperation resultiert ja auch Arbeit für die Schule. Manche Schulen in Duisburg haben drängende Probleme, etwa Schüler*innen ohne gesicherte Nahrungsversorgung oder ohne festen Wohnort und sind so schon voll ausgelastet. Selbst wenn die Schulen nicht in einer solchen Situation stecken, müssen sie in der Kooperation auf Fragen der Raum- und Zeitkapazitäten Antworten finden. Auch die Finanzierung kann Unsicherheiten verursachen. Daher bedarf es guter Multiplikatoren, die die Schule überzeugen und ihnen die Sorgen nehmen. Sie müssen deutlich machen: Der Aufwand lohnt sich.

Dass dem so ist, kann man an verschiedenen Dingen festmachen. Der individuelle Mehrwert für die geförderten und unterstützten Schüler*innen steht natürlich immer im Vordergrund und ist unzweifelhaft gegeben. Alleine schon, dass ältere Schüler*innen in der Chancenwerk-Lernförderung Verantwortung für Jüngere übernehmen können, stärkt ihr Fähigkeit zur Selbstwahrnehmung. Die Noten werden besser, die Fehlzeiten reduzieren sich und die Quote der erfolgreichen Schulabschlüsse steigt. Die Bildungsgerechtigkeit wird an den Schulen verbessert.

Durch die vielen Blickwinkel und Ansätze in den multiprofessionellen Teams können wir ganzheitlich und zielorientiert arbeiten. Für die Umgebung der Schule und für andere Schulen ist es ein deutliches Signal: Wir sehen die Probleme, wir arbeiten daran, zusammen schaffen wir das. Dadurch wird die Offenheit der Schulen für Kooperationen grundsätzlich erweitert.

Auch als Kommune können wir von solchen Kooperationen lernen. So sehen wir, wie wir die Schulen besser stärken können, wo es Bedarfe gibt. So war die technische Ausrüstung der Schulen nicht ausreichend für die apeiros-Software. Also haben wir nachgerüstet. Die Erkenntnisse können auch in gesamtkommunale Strategien wie bei 'Handlungsforum 4 - Guide Schulische Problemlagen' einfließen. Es gibt auch noch viele weiter positive Effekte der Kooperation mit Schulen, doch das würde hier wohl den Rahmen sprengen. Alles in allem kann man sagen: Gut, dass es 'Bildung als Chance' gibt. Macht weiter so.

Von Haniel Stiftung