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Bildungschancen

In Duisburg wird gefördert

Herkunft bestimmt über Zukunft. Das trifft in Deutschland vor allem auf Schülerinnen und Schüler zu. Kinder aus sozial schwachen Umfeldern sind im deutschen Schulsystem benachteiligt. In Städten wie Duisburg, wo das soziale Gefälle groß ist und die Schulabbrecherquote über dem bundesweiten Durchschnitt liegt, setzt sich die Haniel Stiftung gemeinsam mit Akteuren aus Politik, Gesellschaft und Wirtschaft dafür ein, Nachteile auszugleichen und Chancen zu schaffen.

Laut dem Bundesministerium für Bildung und Forschung ist der Schulerfolg in kaum einem anderen Industrieland so stark von der Herkunft und dem Einkommen der Familie abhängig wie in Deutschland. Die vermeintlich neutralen Leistungsmaßstäbe an den Schulen sind von Kindern aus weniger privilegierten Haushalten deutlich schwerer zu erfüllen.

Ungleiche Startbedingungen haben verschiedene Gründe. Manche Schüler haben vor Schulbeginn noch nie ein Wort Deutsch gesprochen. Einige kommen aus Familien, in denen Geldsorgen die Schulthemen in den Hintergrund geraten lassen. „So bestehen bei vielen Kindern die Startschwierigkeiten schon darin, dass bisher niemand mit ihnen geübt hat, sich ruhig hinzusetzen, sich zu konzentrieren und einen Stift in die Hand zu nehmen”, sagt Dr. Rupert Antes. Der Geschäftsführer der Haniel Stiftung arbeitet seit über 15 Jahren im Bildungsbereich von Duisburg - einer Stadt mit hohem Bedarf an Förderung.

Denn die Ruhrmetropole muss mit schwierigen Bedingungen zurechtkommen. Obwohl Duisburg eine gute kulturelle und soziale Infrastruktur vorweisen kann, ist ihre öffentliche Wahrnehmung durch Negativereignisse geprägt. Seit der Loveparade-Katastrophe 2010 wird die Duisburger Stadtverwaltung mit schlechter Organisation und mangelhafter Verantwortungsübernahme in Verbindung gebracht. 2015 zeriss ein TV-Bericht den Stadtteil Duisburg Marxloh als rechtslosen Raum - hier würde sich selbst die Polizei nicht mehr hin trauen. Zusätzlich leidet Duisburg unter den üblichen „Ruhrpott-Vorurteilen“. Viele Menschen verbinden es immer noch mit Kohlestaub und Feinrippunterhemden – gerade wenn sie die Stadt noch nie besucht haben. Im Gegensatz zu Berlin gilt Duisburg als arm, aber nicht als sexy.

Die Kassen der Stadt am Rhein sind tatsächlich leer. Sie zählt zu einer der ärmsten im Ruhrgebiet. Laut dem nordrhein-westfälischen Sozialbericht von 2016 liegt die Schuldnerquote bei 16,2 Prozent. Dazu macht Duisburg seit dem Rückgang von Bergbau und Stahlindustrie eine hohe Arbeitslosenquote von 13,1 Prozent zu schaffen. „Vor dem Strukturwandel bekamen die Duisburger auch mit einem schlechten Schulabschluss einen Arbeitsplatz, der ihnen das Überleben sicherte“, sagt der Leiter des Duisburger Bildungsbüros, Klaus Peter Müller. „Genau diese Arbeitsplätze sind jetzt weggebrochen.“

Mit Hoffnung auf Glück

Die Schwierigkeiten, den Strukturwandel aufzufangen und Duisburg in einen Bildungsstandort umzuwandeln, werden durch die Flüchtlingssituation und den innereuropäischen Zuzug von Menschen aus Südosteuropa verstärkt. Keine Kommune in Deutschland hat seit 2012 so viele neue Einwohner aus diesem Gebiet aufgenommen. Heute leben in Duisburg unter knapp 492 000 Einwohnern über 16 000 Südosteuropäer, hauptsächlich Bulgaren und Rumänen, darunter viele Kinder. Mit der Hoffnung auf Arbeit, Schutz vor Diskriminierung und Gewalt oder bessere Chancen für ihre Kinder versuchen die Zuwanderer vor allem in Stadtteilen wie Duisburg-Hochfeld oder Duisburg-Marxloh Fuß zu fassen.

In Marxloh glauben sie, sei es einfach günstigen Wohnraum und Arbeit zu finden. Das hat eine Studie des N.U.R.E.C-Institutes, dem Netzwerk für Stadtforschung in der EU, ergeben. Sind die Zuwanderer dort angekommen, sieht die Lebenswirklichkeit anders aus. Die Wohnungen sind marode und es gibt wenige Stellen für gering qualifizierte Menschen. Die Stadtraumdaten geben Einblick in die Armutsverhältnisse im Viertel: Knapp die Hälfte der Einwohner ist auf staatliche Unterstützung angewiesen – auch mit Erwerbsarbeit fällt ihr Lohn oft zu gering aus, um davon überleben zu können.

Vielen Zugezogenen scheint es schwer zu fallen, sich unter diesen Bedingungen in die Duisburger Gesellschaft einzugliedern. Kultur-, Bildungs- und Familiendezernent Thomas Krützberg sagt, es sei nicht leicht, einen Zugang zu einem Großteil der Menschen zu finden. Seiner Erfahrung nach erschwert der häufig geringe Bildungsstand die Integration in die Gesellschaft. Viele Menschen bemühen sich sehr darum, doch will er die Probleme in den Stadtteilen nicht kleinreden: „Manche Menschen müssen erst einmal verstehen, dass man den Müll nicht aus dem Fenster auf die Straße wirft, man Kinder nicht um drei Uhr nachts zum Feiern auf die Straße lässt oder dass es eine Institution gibt, die Kindergarten heißt.“ Ähnliches berichten auch Dr. Rupert Antes von der Haniel Stiftung sowie Bildungsbüroleiter Thomas Müller. Eltern und ihre Kinder müssten häufig noch lernen, dass ein regelmäßiger Schulbesuch unabdingbar für den Bildungserfolg ist.

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Thomas Krützberg leitet das Dezernat für Familie, Bildung und Kultur in Duisburg

Die massive Zuwanderung bringt für Duisburg zweifelsohne große Herausforderungen mit sich. Nichtsdestotrotz sehen sowohl Stadt wie Stiftung, welche Chance die neuen Einwohner für die Ruhrmetropole bedeuten. Werden die Potenziale der Kinder erkannt und gefördert, und ihre Familien in die Gesellschaft integriert, ist Duisburg gut aufgestellt: Gegen den Fachkräftemangel, der durch den demografischen Wandel droht und für eine inklusive Gesellschaft. Davon profitiert nicht nur die Wirtschaft sondern auch das Gemeinwohl in der Stadt. Das motiviert die Akteure im Bildungsbereich genauer hinzuschauen: An welcher Stelle können sie ansetzen, um einen Wandel zu bewirken?

Gegen das Scheitern von Bildungslaufbahnen

Die Verhältnisse in Duisburgs Problemstadtteilen spiegeln sich in den bildungsrelevanten Zahlen der Stadt wider. Über sieben Prozent der Schüler gehen ohne Abschluss von der Schule ab. Mit dieser Quote liegt Duisburg über dem bundesweiten Durchschnitt von 5,6 Prozent. Doch selbst mit einem Abschluss gestaltet sich der Berufseinstieg schwierig. Im Gegensatz zu den anderen Großstädten Nordrhein-Westfalens ist der Bedarf an Ausbildungsplätzen in Duisburg größer als das Angebot. Die daraus resultierende Jugendarbeitslosigkeit ist hoch. Im Juni 2016 hatten fast 3000 junge Menschen keine Arbeit.

Die Stadt reagiert auf ihr schlechtes Ranking im Bildungsbereich mit großem Engagement - trotz knapper Finanzen. Seit der Amtsübernahme von Oberbürgermeister Sören Link 2012 habe Bildung eine neue Gewichtung erfahren, erklärt Bildungsdezernent Thomas Krützberg. Im verwalterischen Sinn bedeutet das: Bildungskonferenzen, Bildungsarbeitsgemeinschaften und Schulentwicklungsplanung.

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Klaus Peter Müller leitet das Büro Bildungsregion Duisburg

Auch das Bildungsbüro ist Teil dieser Maßnahmen. Dessen Leiter Klaus Peter Müller will die schlechten Zahlen mittelfristig ändern. Bei knappem Budget heißt das vor allem: „Akteure vernetzen sowie Wissen und Informationen untereinander teilen, um das Scheitern von Bildungslaufbahnen zu vermeiden.“, sagt Müller. Eine Aufgabe, welche die Stadt mithilfe verschiedener Bildungspartnern angeht, deren Ziel es ist, Schullaufbahnen so abzusichern, dass sie den Lernpotenzialen der Schülerinnen und Schüler entsprechen. Ein zentraler Partner für die Stadt ist dabei die Haniel Stiftung. Aus unternehmerischer Tradition des Stifterunternehmens Haniel, setzt sie sich für gerechte Bildungschancen in Duisburg ein.

Verantwortung zeigen

Unternehmerische Unterstützung hat in Duisburg Geschichte. Die ersten Schulen, Gesundheitskassen und Krankenhäuser für Arbeiterinnen und Arbeiter wurden von den hier ansässigen großen Firmen gegründet. Der Unternehmer Franz Haniel handelte nach dem Leitbild des ehrbaren Kaufmanns, als er 1856 in Duisburg eine Schule sowie einen Fonds für talentierte junge Menschen einrichtete, deren Eltern das Schulgeld nicht aufbringen konnten. Haniel zählt heute zu den größten familiengeführten Unternehmen Europas – und fühlt sich dem Standort Duisburg und den Menschen, die dort leben, noch immer verpflichtet.

Für die Stadt ist die koordinative und finanzielle Unterstützung von privater, unternehmerischer und gemeinnütziger Seite, sowie von Stiftungen, essenziell: „Ohne sie könnten viele Projekte, die dringend notwendig sind, nicht durchgeführt werden”, sagt Bildungsdezernent Krützberg. Besonders wertvoll seien dabei Partner, die langfristig und nachhaltig fördern.

Die Haniel Stiftung versucht diesem Anspruch gerecht zu werden. Ihre Förderung soll zum einen talentierten Führungsnachwuchs befähigen, sich für das Gemeinwohl einzusetzen und unter anderem drängende Fragen im Bildungsbereich zu lösen. Zum anderen richtet sich ihre Hilfe gezielt an eben jene bildungsbenachteiligte Kinder und Jugendliche, die Gefahr laufen, keinen Schulabschluss zu machen. Aufgrund der besonderen Bildungssituation vor Ort und aus Tradition konzentriert sich die Stiftung in der Bildungsförderung auf die Stadt Duisburg, um etwas zu erreichen. Entgegen des Gieskannenprinzips, bei dem Mittel gleichmäßig auf eine Zielgruppe verteilt werden, ohne die mögliche Dringlichkeit von Einzelfälle in Betracht zu ziehen, bündelt die Haniel Stiftung ihre Kräfte so, dass sie gezielt an Stellen zu helfen kann, wo Unterstützung akut gebraucht wird.

Mit drei Projekten wendet sich die Haniel Stiftung an Schülerinnen und Schüler in verschiedenen Phasen ihrer schulischen Laufbahn. Sie stärkt den individuellen Bildungsweg und versucht Schulabbrüche vorzubeugen. Zwei dieser Projekte sind bislang an der Aletta-Haniel-Gesamtschule in Duisburg-Ruhrort angesiedelt, einer Schule mit großem Förderungsbedarf. Für das bislang größte Projekt „Bildung als Chance“ hat sich die Haniel Stiftung mit drei Sozialunternehmen, einer gemeinnützigen Organisation und Vertretern aus der Kommune vernetzt, um noch mehr Kinder und Jugendliche in der Stadt zu erreichen.

Miteinander, statt nebeneinander

„Damit wir Projekte nachhaltig fördern und eine breite Wirkung erzielen können, müssen sie in Gemeinschaftsarbeit getragen werden.“ erklärt Stiftungsleiter Dr. Antes. Deshalb setzt die Haniel Stiftung auf Kooperationen und hat mit dem Kooperationsprojekt „Bildung als Chance“ eines der ersten „Collective Impact“ Projekte in Deutschland entwickelt.

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Beim Netzwerkabend mit "Bildung als Chance“ kommen Akteure zusammen, um Praxiswissen auszutauschen und gemeinsam einen Wandel zu erwirken.

Gemeinsam mit Ashoka Deutschland, einer Non-Profit-Organisation zur Förderung von sozialem Unternehmertum, koordiniert die Stiftung die Zusammenarbeit von drei Sozialunternehmern: apeiros e.V., Teach First Deutschland GmbH sowie dem Chancenwerk e.V. Mit den so vereinten Kräften setzen sie sich für die Verbesserung von Zukunftschancen bildungsbenachteiligter Kinder ein.

Collective Impact heißt miteinander statt nebeneinander zu arbeiten und Aufgaben voneinander zu übernehmen. „Auf diese Weise bleiben die Leistungen der einzelnen Organisationen kein Stückwerk.“ sagt Dr. Rupert Antes. „Wichtig ist uns dabei auch die Zusammenarbeit mit der Stadt und anderen zentralen Bildungsakteuren in Duisburg.“ Mit viel Fingerspitzengefühl versucht die Stiftung so, eine Innovatorenrolle für Schulen und Stadt einzunehmen. Klaus Peter Müller vom Bildungsbüro schätzt das Engagement und den Input der Haniel Stiftung als „enorm wichtig” ein, um für Duisburg gemeinsam an einem Strang ziehen zu können.

„Im Idealfall”, erklärt Dr. Antes, „wollen Sozialunternehmer die Probleme lösen, mit denen sie sich befassen und sich damit selbst überflüssig machen”. Dem Geschäftsführer zufolge, ist dieser Ansatz zwar keine Patentlösung, aber nachhaltig und effizient - und damit auch für die Stiftung relevant. Bereits jetzt zeigen Einzelstudien die Wirksamkeit der jeweiligen Projekte. Ende des Jahres werden konkrete Ergebnisse über das Zusammenwirken der drei Sozilunternehmer durch eine Studie des CSI Heidelbergs und der Universität Duisburg-Essen vorliegen. Bis dahin sieht der Stiftungsleiter vor allem eins: In Duisburg ein großes Entwicklungspotenzial und eine Menge Schülerinnen und Schüler, die von der Bildungsförderung profitieren könnten.

Informaterial

Das Kooperationsprojekt „Bildung als Chance“ prägnant zusammengefasst.
Broschüre
Flyer

Erfolgreich zum Abschluss
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Adrianna Ewa Tarasiuk konnte kaum Deutsch, als sie aus Polen an die Aletta-Haniel-Gesamtschule in Duisburg kam. Mit 25 anderen Schülerinnen und Schülern nutzte sie mit dem Aletta-Haniel-Programm die Gelegenheit der außerunterrichtlichen Unterstützung. Welche Erfahrungen sie dort persönlich gemacht hat, erzählt sie im Kurzinterview.

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