Katholische Grundschule Henriettenstraße
© Julia Holzapfel
Duisburg-Marxloh

Wo Schule zu Heimat wird

Geschichten aus Duisburg-Marxloh handeln fast immer von Gewalt, Müll und Trostlosigkeit. Dabei gibt es Orte in dem Stadtteil, die von gegenseitigem Respekt der Kulturen und Ideen für das zukünftige Miteinander geprägt sind. Zu Besuch in der Katholischen Grundschule Henriettenstraße.

Als an diesem Dienstagmorgen um Viertel nach acht die Glocke in der Grundschule Henriettenstraße läutet, sind die Kinder der Klasse 1/2a schon schwer beschäftigt. Toni, prominente Schneidezahnlücke und spitzbübischer Irokesenschnitt, hat sich die große Acht aus Holz geschnappt. Darauf liegt eine kleine rote Kugel, die er mit sanften Bewegungen in Runden über die geschwungene Bahn rollt. Mertcan guckt ihm durch seine dunkelblaue Brille eine Weile zu. Weil Toni das Spielgerät aber partout nicht abgibt, holt er sich ein Magnetbrett, auf dem er bunte Plättchen zu einer schiffsähnlichen Figur zusammenbaut. Ilayda lässt der Zwist der Jungs um die hölzerne Acht kalt. Sie übt rechnen auf einer überschreibbaren Kunststofftafel, während Graca mit Sitznachbarin Melissa Zahlenmemory spielt.

20 Minuten haben die Kinder jeden Morgen Zeit, um beim Rechnen, Lesen oder Schreiben mental in der Schule anzukommen. Die Zahlenspiele sind dabei fast immer am schnellsten vergriffen: „Mathematik ist klar strukturiert, Deutsch ist anstrengend“, erklärt Klassenlehrerin Helga Grünhage.

Zwei Schülerinnen sitzen über Arbeitsblättern

Eifrig sitzen die Mädchen über ihren Deutsch-Arbeitsblättern.

Eine klare Struktur – das kennen viele der Kinder aus ihrem Leben abseits des Unterrichts nicht. Sie wachsen in Duisburg-Marxloh auf, wo es mehr Chaos als Ordnung, mehr dreckige als saubere Straßen, mehr Gewalt als Miteinander gibt. So suggerieren es jene Berichte, die den Stadtteil in Zeitungen und Fernsehsendungen als vermüllte No-go-Area und Hoheitsgebiet libanesischer Clans porträtieren, in dem sich sogar Polizisten fürchten.

Es ist dieses problembetonte Medienbild, das Regina Balthaus-Küper dazu bringt, ihre sonst sanfte Stimme lauter werden zu lassen. Seit zehn Jahren leitet sie die Katholische Grundschule Henriettenstraße. „Es gibt Schwierigkeiten im Stadtteil, ohne Zweifel, aber diese isolierte und plakative Darstellung ärgert mich. Von den Lösungsansätzen spricht niemand“, sagt sie. Dabei gibt es sie, diese Problemlöser und ihre guten Ideen für eine Verbesserung im von Migration geprägten Duisburger Norden.

Wie viele andere sieht die Haniel Stiftung den Bedarf in Marxloh und will ihr Engagement dort in den kommenden fünf Jahren ausbauen. „Wir sind in Duisburg verwurzelt, kennen die Probleme, aber auch die vielfältigen Bemühungen der Schulen in Marxloh und wollen diese fördern“, sagt Rupert Antes, Geschäftsführer der Haniel Stiftung. Das Stiftungsprogramm „Bildung als Chance“ vereint die drei Sozialunternehmen Chancenwerk, Apeiros und Teach First Deutschland, die mit ihrer Arbeit die Chancen benachteiligter Kinder verbessern wollen und vereinzelt bereits im Stadtteil aktiv sind.

Eine andere Definition von Leistung

Eine ganze Reihe von Problemlösern arbeitet in der Grundschule Henriettenstraße. Von den 200 Schülern dort haben 90 Prozent Zuwanderungsgeschichte. Drei Viertel davon sprechen bei der Einschulung kein Deutsch, die überwiegende Mehrzahl von ihnen hat keine Kita besucht. In der Klasse von Helga Grünhage sitzt eine bunte Mischung aus arabischen, türkischen, bulgarischen, rumänischen, angolanischen und deutschen Kindern.

Ihnen zeigt jetzt eine langsam leiser werdende Musik an, dass es Zeit wird, die Spielutensilien aufzuräumen und sich an ihren Platz zu setzen. Während Mertcan seine Plastikplättchen zurück in die Box legt, saust Toni mit Karacho noch einmal quer durch den Klassenraum. Am Ende des etwa vier Minuten langen Instrumentalstücks sitzen die Kinder an den vier Tischgruppen und schauen auf ihre Lehrerin mit den grauen Locken. „Auf Musik sprechen die Kinder besonders gut an“, wird sie später erklären.

Gaderobe mit Namensschildern der Kinder

90 Prozent der 200 Kinder in der Grundschule Henriettenstraße haben Zuwanderungshintergrund.

„Welches Datum haben wir heute?“, fragt Helga Grünhage. „Mittwoch!“, ruft eine selbstbewusste Jungenstimme. Bis Wochentag, Datum und der heutige Stundenplan besprochen und an der Tafel für alle sichtbar sind, vergehen 15 Minuten. Geduldig erläutert die Pädagogin nun die Deutsch-Arbeitsblätter, die die Kinder ausfüllen sollen. Die eine Gruppe wird Bilder von Dingen ausmalen, die mit dem Buchstaben „i“ beginnen. Die andere soll Wörter lesen, abdecken und aus dem Gedächtnis aufschreiben. Mit den Aufgaben scheint Grünhage den Geschmack ihrer Erstklässler getroffen zu haben. Kaum ein Mucks ist zu hören, nachdem alle Nachfragen geklärt sind und die Kinder über ihren Blättern hängen. „Ein Lob an alle Kinder, die leise sind“, gibt sie ihrer Klasse anerkennend Feedback.

Die Mehrheit der Schüler in der Henriettenstraße nimmt ihr Recht auf fünf statt vier Jahre Grundschule wahr, das jedes Kind in Deutschland hat. Diese sogenannte verlängerte Schuleingangsphase wird nicht als wiederholtes Schuljahr gesehen oder auf die Schulpflicht angerechnet, sondern soll dem Kind die Zeit geben, die es aufgrund seiner individuellen Entwicklung braucht. In der Henriettenstraße müssen vielen Kindern erst Kita-Basics beigebracht werden: wie man in einer Gruppe agiert, dass man sich an Regeln hält, man anderen zuhört, wie man einen Stift benutzt oder am Schreibtisch sitzt. Erst dann geht es mit Rechnen, Schreiben und Lesen los. Weil die Kinder in Vorbildung und Lernfortschritt so unterschiedlich sind, findet der Unterricht stufenübergreifend statt. Wer beim Rechnen schon das Niveau der zweiten Klasse erreicht hat, aber starke Schreibdefizite aufweist, wird in den zusammengefassten Jahrgängen punktuell besser gefördert.

Ein Türschild mit der Aufschrift "Klasse 1/2a"

Die Kinder werden jahrgangsübergreifend unterrichtet, bei Helga Grünhage etwa sind erste und zweite Klasse zusammengefasst.

„Am Ende der Grundschulzeit mögen manche Kinder aus unserer Schule nicht so weit sein wie jene aus besser situierten Gegenden“, räumt Rektorin Balthaus-Küper ein. Aber anstatt die Vorgaben des Bildungssystems als einzige Richtschnur zu nehmen, zählt für sie und ihr Team, ob ein Kind Lernstrategien und Motivation entwickelt, sodass es in der weiterführenden Schule bestehen kann. Der sprachliche Aufholprozess dauere acht Jahre, unter Umständen länger, wenn den Kindern die soziale Vorbildung durch eine Kita fehle, so die Schulleiterin. Die Grundschullehrer legten die Basis, auf der in der weiterführenden Schule aufgebaut werde.

Sorgen, dass sie ihren Schülern nicht genug beibringen, haben vor allem Lehrer, die neu an die Henriettenstraße kommen. Auch deshalb hängt im Lehrerzimmer ein Plakat aus einem Workshop, das ihnen Orientierung bieten soll. „Offenheit für eigene Lernprozesse“ steht da zu lesen. Oder „Wertschätzung und Anerkennung der kleinen Fortschritte der Kinder“ und „Langsamkeit“. Insgesamt 35 Minuten, bis der inhaltliche Unterricht beginnen kann? Geht in Ordnung. Leise sein – Grund genug für ein Lob? In anderen Grundschulen nicht der Rede wert, gleichwohl in der Henriettenstraße.

Das Potenzial, Verschiedenheit zu leben

Dass die Schule ihre Schützlinge dennoch mit ausreichend Lernkompetenz ausstattet, wird im Gespräch mit Silke Kalafat deutlich. Mit ihrer Kollegin versorgt sie die 50 Kinder der Ganztagsbetreuung in der Mensa. Kalafat ist in Marxloh aufgewachsen und lebt bis heute hier. Ihre drei Kinder haben die Grundschule Henriettenstraße und anschließend die Herbert-Grillo-Gesamtschule im Stadtteil besucht. „Eines meiner Kinder studiert, die anderen beiden stehen fest im Beruf“, erzählt die kräftige Frau, während sie die Essensausgabe vorbereitet.

Ein kleines Kind bei der Essensausgabe

Graca blickt skeptisch auf das Rindergulasch. Aber bei Silke Kalafat geht kein Weg am probieren vorbei.

Das Menü heute: Rindsgulasch mit Nudeln, dazu Gurkensalat. Auf Kalafats türkisfarbener Schürze ist der Spruch „My kitchen, my rules“ aufgedruckt. Kein Zufall, wie es scheint: Gut gelaunt, aber bestimmt überzeugt sie jedes Kind davon, zumindest eine kleine Menge vom Gulasch und vom Gurkensalat zu probieren, obwohl ausnahmslos jedes mit „Ich möchte nur Nudeln“ an die Essensausgabe tritt. Kalafat hat die mütterliche Fähigkeit, gleichzeitig witzig und streng zu sein. „Ich habe deine Mutter angerufen, und sie hat gesagt, du magst das“, sagt sie und bringt die Kinder zum Lachen. Sie mahnt jedoch auch zur Ordnung: „Zuerst hinsetzen, dann essen!“

Um den Kindern die Gerichte der für sie fremden deutschen Küche schmackhaft zu machen, muss Kalafat kreativ werden – so wie bei den Semmelknödeln, die es neulich gab. „Ich habe den Kindern gesagt, das ist Brot, nur in Kugelform. Dann haben sie die Knödel in die Hand genommen und abgebissen“, erzählt die Marxloherin, wirft den Kopf in den Nacken und lacht herzhaft. Dieser natürliche Umgang mit dem Andersartigen beeindruckt Schulleiterin Balthaus-Küper: „Die Menschen in Marxloh haben ein besonderes Potenzial, mit Verschiedenheit umzugehen.“

Die unterschiedliche Herkunft hat unter den Schulkindern wenig Relevanz. Konflikte zwischen unterschiedlichen Zuwanderergruppen sind kaum ein Thema. Lehrerin Helga Grünhage berichtet von einer Schülerin, die neu in ihre Klasse kam. Sie hatte eine auffällige Gesichtsbehaarung, sodass prompt ein Junge fragte, warum sie einen Schnurrbart trage, sie sei doch ein Mädchen. Die Lehrerin sprach daraufhin mit den Kindern über Körperbehaarung. „Alle Kinder haben ihre Unterarme angeguckt und festgestellt, dass sie dort Haare haben. Damit war die Sache gegessen“, erklärt sie. In der Henriettenstraße wird thematisiert, dass nicht alle Menschen gleich sind, aber die Gemeinsamkeiten schwerer wiegen als die Unterschiede.

Eine Tafel mit der Aufschrift "Herzlich Wilkommen"

Herzlich Willkommen: Der Umgang in der Grundschule Henriettenstraße ist von Offenheit geprägt.

Auch Sozialarbeiter Malte Küppers muss nicht wegen Anfeindungen verschiedener Nationalitäten, sondern eher bei typisch kindlichen Streitereien schlichten. Mit seinem gemütlichen Gang und dem rötlichen Vollbart strahlt er Gelassenheit aus. Gut vorstellbar, dass dies bei hitzigen Schulhofkämpfen beruhigend auf die kleinen Streithähne wirkt. Als ausgebildeter Deeskalationstrainer ist Küppers auch in anderen Stadtteilen tätig. Dabei fällt ihm immer wieder auf, dass die Marxloher Kinder weniger nachtragend und hinterhältig agieren: „Die Kinder haben Streit, sie prügeln sich auch mal, aber das ist schnell wieder beigelegt, während anderswo noch tagelang getuschelt oder provoziert wird.“

Maßnahmen gegen hohe Fehlzeiten

Mehr Arbeit hat Küppers derzeit mit Kindern, die häufig in der Schule fehlen. Mit Unterstützung von Apeiros, einem der drei Kooperationspartner von „Bildung als Chance“, werden die Fehlzeiten analysiert. Wo Muster erkennbar sind, schreiten die Mitarbeiter von Apeiros, Küppers selbst und manchmal auch die Lehrer durch Elterngespräche und Hausbesuche ein. Etwa 15 bis 20 Prozent der Kinder kommen nicht regelmäßig zur Schule, schätzt Rektorin Balthaus-Küper. Das Elterngespräch als Warnschuss zeigt in vielen Fällen Wirkung. Bleiben die Kinder weiterhin fern, folgen schriftliche Aufforderungen. Am Ende stehen die Ordnungsmaßnahmen des Schulgesetzes, wie zum Beispiel Bußgelder oder die zwangsweise Zuführung zur Schule durch das Ordnungsamt. Ohne die Unterstützung durch Apeiros wäre dieser mehrstufige Ablauf kaum zu managen, meint die Schulleiterin.

Schulleiterin Regina Balthaus-Küper, Sozialarbeiter Malte Küppers und Lehrerin Helga Grünhage

Sie stehen stellvertretend für die Problemlöser von Marxloh: (v.l.n.r.) Schulleiterin Regina Balthaus-Küper, Sozialarbeiter Malte Küppers und Lehrerin Helga Grünhage

Die hohe Fehlquote liegt aber nicht am mangelnden Interesse der Eltern an Bildung. Sozialarbeiter Küppers erkennt den Wunsch, dass die Kinder zur Schule gehen und dort Deutsch lernen, bei den allermeisten Familien. Es fehle an den Kompetenzen, den Tagesablauf so zu gestalten, dass Schule darin Platz findet. „Viele Familien in Marxloh haben außer Kindergeld kein Einkommen. Da steht es nicht an erster Stelle, wie man sein Kind zur Schule schickt, sondern wie man an etwas zu essen kommt“, sagt Küppers. Lehrerin Grünhage ergänzt: „Vielen Familien ist unser System Schule schlichtweg fremd.“

Den Eltern und Kindern jene ihnen unbekannten Dinge beizubringen, die für das Zusammenleben hier wichtig sind, gehört für Rektorin Balthaus-Küper zur gesamtgesellschaftlichen Verantwortung. „Es gibt keine Berechtigung dafür, von oben herab auf diese Eltern zu gucken. Jeder von uns würde auch so leben, wenn er in ihren Zusammenhängen groß geworden wäre“, betont sie, und wieder klingt ihre Stimme mehr bestimmt als sanft.

Wo Ressourcenmangel auf Flexibilität trifft

Die Pädagogen der Grundschule Henriettenstraße müssen nicht nur den Kindern, sondern auch den Eltern eine Menge beibringen. Bei einer Vielfalt an Sprachen und Kulturen ist das eine ambitionierte Aufgabe, vor allem ohne die Hilfe von Übersetzern. Zwar stehen für wenige Stunden mehrsprachige interkulturelle Berater zur Verfügung, doch die Termine zu koordinieren ist aufwendig und für die Eltern oft wenig zufriedenstellend. „Es wäre viel leichter, wenn wir täglich für einzelne Stunden Übersetzer im Haus hätten“, meint die Schulleiterin. Seit Jahren bemüht sie sich bei den offiziellen Stellen darum, doch die langfristigen Antragsverfahren und der kurzfristige Bedarf sind schwer miteinander vereinbar.

Regina Balthaus-Küper regelt das Übersetzer-Problem deshalb mit der Fähigkeit, ohne die sie in ihrem Arbeitsalltag mit seinen ständig wechselnden Anforderungen verloren wäre: Flexibilität. Eine interkulturelle Beraterin in Ausbildung absolviert derzeit ein Praktikum an der Schule. Sie spricht Türkisch, das auch viele bulgarische Eltern beherrschen. „Steht da jemand, der deren Sprache versteht, haben sie sofort einen besseren Zugang“, berichtet die Rektorin.

Egal, woran es in der Grundschule Henriettenstraße mangelt: Anstatt sich über die beschränkten Ressourcen zu beschweren, reagiert das Personal flexibel und konstruktiv. Die Ganztagsbetreuung findet in der Schulaula statt, die immer wieder für andere Veranstaltungen geräumt werden muss. „Da wären Möbel mit Rollen von Vorteil, aber es geht auch so“, sagt Sarah Nett, die den Offenen Ganztag leitet. Die Materialien und Spielgeräte liegen in gestapelten Kisten: „Die Regale sind bereits beantragt, aber ich rechne nicht damit, dass wir die in diesem Schuljahr noch bekommen.“ Ihre Vision für die 50 Kinder in der Betreuung? „Eine Trommelgruppe oder ein Chor, das würde gut zu den Kindern hier passen.“

Schulränzen im Treppenhaus

Der Platz für die Ganztagsbetreuung ist begrenzt, die Schulranzen stehen deshalb im Treppenhaus zwischen Mensa und Schulaula.

Ob Übersetzer, Räume oder Ausstattung: Die offiziellen Regelungen mit ihren langfristigen Planungshorizonten sind an vielen Stellen nicht mit der schulischen Realität in Marxloh vereinbar. Regina Balthaus-Küper versucht daher, viele Kooperationspartner an die Schule zu holen, weil auf diese Weise kurzfristige Projekte möglich sind. Neben Apeiros ist das auch der Verein Ziuma, der leistungsstarke Kinder fördern will, oder das Klavier-Festival Ruhr, das mit Musik und Tanz auf die kreativen und sozialen Fähigkeiten der Kinder abzielt, um nur eine kleine Auswahl zu nennen. Es kostet viel Zeit, all diese Programme an die Schule zu holen und zu koordinieren – mehr als Balthaus-Küper zur Verfügung hat. „Ich lebe damit, dass ich immer das Nötigste mache. Manches bleibt liegen, erledigt sich von selbst, manches ploppt eben wieder auf.“

Hier setzen die Verantwortlichen von „Bildung als Chance“ an. „Die Arbeit im Hintergrund bei solchen Kooperationen ist immens, auch an die Kosten dafür denkt oft niemand“, erzählt Programmkoordinatorin Ira Nazlier. Die Stiftung erfüllt daher die Rolle des Koordinators für die Zusammenarbeit zwischen Chancenwerk, Apeiros und Teach First Deutschland und überlegt mit den Partnern gemeinsam, wo Ansprache und Einsatz möglich wären.

Lehrer in Marxloh: unterrichten und etwas bewegen

So wertvoll die Hilfe der Initiativen ist, an einem Punkt sind auch sie machtlos: dem Lehrermangel. Im Schuljahr 2017/2018 fehlen allein in Nordrhein-Westfalen 930 Grundschullehrer.

Das erschwert die Arbeit der Pädagogen und verlangsamt den Lernfortschritt der Kinder. Nachdem Helga Grünhage an diesem Morgen der einen Gruppe das Arbeitsblatt zum Buchstaben „i“ erklärt hat, gibt sie dem Rest Anweisungen. Einzelne Kinder aus der „i“-Gruppe heben währenddessen bereits wieder die Hand, weil sie eine Frage haben. Es dauert seine Zeit, bis Grünhage auf diese eingehen kann. Zeit, die die Kinder zum Weiterarbeiten nutzen könnten, wäre ein zweiter Lehrer im Raum.

Diese Kinder saugen alles auf, was man ihnen an Aufmerksamkeit gibt. Das ist unglaublich zufriedenstellend und macht so viel Spaß, der den Stress aufwiegt.

Malte Küppers

Zwar sind in einzelnen Stunden zwei Pädagogen in der Klasse, von der Doppelbesetzung ist man jedoch weit entfernt. Seit Jahren bleiben Stellen an der Grundschule offen. „Es gibt Bewerberverfahren, da erhalten wir keine einzige Zuschrift“, sagt Regina Balthaus-Küper. Verrufene Stadtteile wie Marxloh stehen auf der Beliebtheitsskala der meisten Junglehrer ganz unten. Wenngleich es politischer Regelungsmaßnahmen bedarf, um die Zahl der Lehrkräfte zu erhöhen, können die Bildung-als-Chance-Partner eine wertvolle Hilfe sein (siehe Infobox). „Langfristig würden wir gerne vier Fellows von Teach First Deutschland in Marxloh einsetzen, um auch den Übergang von der Grundschule zur weiterführenden Schule gestalten zu können“, erklärt Ira Nazlier von der Haniel Stiftung eines der ambitionierten Ziele.

Lehrerin Helga Grünhage hält es seit fast zwanzig Jahren in der Henriettenstraße. Warum sie nie in einen besser gestellten Stadtteil gewechselt ist? „Ich werde hier mehr gebraucht als anderswo, um den Kindern eine Räuberleiter zu machen, damit sie hochkommen.“ Wer etwas verändern möchte, der könne das hier. Ähnlich sieht das auch Sozialarbeiter Küppers: „Diese Kinder saugen alles auf, was man ihnen an Aufmerksamkeit gibt. Das ist unglaublich zufriedenstellend und macht so viel Spaß, der den Stress aufwiegt.“ Selbst die Schulleiterin spricht von einer „ausgeglichenen Energiebilanz zwischen Herausforderungen und Zufriedenheit“. Potenziale zu sehen, statt Schwierigkeiten zu betonen – typisch für die Problemlöser von Marxloh.

Balthaus-Küper nennt aber noch einen anderen Grund, warum Marxloh durchaus ein attraktiver Arbeitsort für Lehrer sein kann: „Wenn man sich darauf einlässt, kann man hier druckfreier arbeiten.“ Während anderswo Eltern am Ende der Grundschulzeit ihrer Kinder nichts als deren Gymnasialreife akzeptieren oder der Lehrer selbst meint, ein bestimmtes Level mit den Schülern erreichen zu müssen, lautet die Devise in Marxloh: Die Kinder da fördern, wo sie stehen.

Bildungsideen für den ganzen Stadtteil

Die engagierte Pädagogin verständigt sich derzeit mit den Rektoren der anderen beiden Grundschulen im Stadtteil darauf, wie Schule in Marxloh funktionieren kann. Gegen Ende des Schuljahres stehen die Grundschulen in engem Austausch mit den Pädagogen der weiterführenden Herbert-Grillo-Gesamtschule und dem Elly-Heuss-Knapp-Gymnasium in Marxloh. Detaillierte Übergabeprotokolle sollen dabei helfen, weiter auf die Potenziale der Kinder einzuzahlen, statt sie mit ihrem Aufholbedarf, für den sie nicht verantwortlich sind, allein zu lassen. „Das Potenzial der Schüler passt nicht zum vorgegebenen System“, sagt Balthaus-Küper. Die Rektorin ergänzt einen weiteren Vorteil der Zusammenarbeit: „Unser Auftritt nach außen ist ein anderer, wenn wir gemeinsam Forderungen an Stadt oder Ministerium stellen und mögliche Lösungsansätze vorschlagen.“

Straßenschild "Henriettenstraße"

„Integration ist keine Einbahnstraße“. Wenn die platte Floskel irgendwo wirklich gelebt wird, dann in der Katholischen Grundschule Henriettenstraße.

Zurück in der Schulmensa bekommt Silke Kalafat überraschend Besuch. Eine kleine Gruppe junger Marxloher steht plötzlich bei ihr, augenscheinlich zu alt für die Grundschule. Es sind Ehemalige, die hin und wieder in ihrer alten Schule vorbeischauen. „Hier, einen Apfel kann ich euch anbieten“, meint Kalafat. „Ich habe doch eine Apfelallergie“, lehnt ein Junge grinsend ab. „Da ruf ich gleich deine Mutter an, ob das wohl stimmt!“, kontert Kalafat und knüpft damit an vergangene Zeiten mit dem Jungen an. Beide lachen.Ihre Schule, das ist für die Kinder in Marxloh nicht nur der Ort, an dem sie Deutsch, Lesen, Schreiben und Rechnen lernen. Es ist ein Zuhause, erfüllt von menschlicher Wärme. Es ist der Raum, an dem man an sie und ihre Stärken glaubt und nicht ständig auf ihre Schwächen zeigt. Es ist der Platz, an dem sie und ihre Eltern mit einer für sie unbekannten Wertschätzung behandelt werden, die sie dann auch anderen Menschen entgegenbringen. Die Grundschule Henriettenstraße ist für viele Kinder ein Stück Heimat – und für die Gesellschaft ein Ort, der Vorbild und Ansporn zugleich ist.


Bilder und Text: Julia Holzapfel

Von Haniel Stiftung

Bildung als Chance und seine Partner

Das Programm „Bildung als Chance“ der Haniel Stiftung engagiert sich in ganz Duisburg, neuerdings intensiviert es seine Arbeit zusätzlich in Duisburg-Marxloh. Es vereint drei Sozialunternehmen, die sich für bildungsbenachteiligte Kinder einsetzen:

Teach First Deutschland
bringt persönlich wie fachlich herausragende Hochschulabsolventen aller Fachrichtungen an Schulen in herausfordernden Umfeldern unter. Dort arbeiten sie zwei Jahre als Fellows – Lehrkräfte auf Zeit – und schaffen gezielte Förderangebote für benachteiligte Kinder und Jugendliche. BAC will langfristig vier Fellows in Duisburg-Marxloh beschäftigen.

Chancenwerk
könnte den Schülern im Stadtteil zusätzlich helfen: Das Chancenwerk ermöglicht Schülern aus finanziell schwächer gestellten Familien Zugang zu qualifizierter Nachhilfe: Oberstufenschüler erhalten zwei Schulstunden pro Woche kostenlos Nachhilfe von Studenten. Im Gegenzug unterstützt jeder Oberstufenschüler eine Gruppe jüngerer Schüler. Derzeit arbeiten die Verantwortlichen daran, ihr Konzept auch auf Grundschulen übertragen zu können.

Apeiros
ist bereits als Partner an der Grundschule Henriettenstraße in Duisburg-Marxloh tätig. Lehrer und Sozialarbeiter an Schulen werden durch computergestütztes Fehlzeitenmanagement dabei unterstützt, die regelmäßige Abwesenheit von Schülern schneller zu identifizieren. Zudem betreuen die Mitarbeiter betroffene Familien und Kinder, mit dem Ziel, dass sie wieder regelmäßig zur Schule gehen.


Marxloh in den sozialen Medien

Teach First Fellow Mira Grub an der Herbert Grillo Gesamtschule in Duisburg-Marxloh postet in ihrem Instagram-Account regelmäßig Bilder aus Marxloh. Die besonderen Seite des Stadtteils können Sie hier entdecken:

www.instagram.com/meinmarxloh


 

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