© Martin Prenzing
BILDUNG ALS CHANCE

5 Fragen an…Martin Prenzing.

Martin ist für das Chancenwerk an der Gustav-Stresemann-Realschule in Duisburg-Beeck tätig. Als Schulkoordinator organisiert er die Lernförderung, die zweimal in der Woche dort stattfindet. In dem Format „5 Fragen an…“ erzählt er uns, wie er seine Erfahrungen aus der Kinder- und Jugendarbeit einfließen lässt, um die Bildungschancen der Schüler*innen zu verbessern und was ihn mit „Bildung als Chance“ verbindet.

1. Wie bist du zum Chancenwerk gekommen?

Im Rahmen meines Soziologiestudiums bin ich durch ein Seminar zum Zusammenhang von sozialer Herkunft und den Bildungschancen auf die großen Missstände aufmerksam geworden. Mir war schon vorher bekannt, dass die Herkunft einen großen Einfluss auf die Chancen von Kindern und Jugendlichen nimmt, in welchem Ausmaß dies geschieht und wie verheerend die Auswirkungen für die gesamte Gesellschaft sind, ist mir jedoch erst durch die wissenschaftliche Auseinandersetzung bewusst geworden. Bis dahin arbeitete ich neben dem Studium im Bekleidungseinzelhandel. Durch das Seminar wurde mir klar: ich kann und muss mehr für die Gesellschaft tun, als nur T-Shirts zu falten.

Als Konsequenz daraus habe ich mich beim Chancenwerk beworben. Nun bin ich seit zwei Jahren an der Gustav-Stresemann-Realschule in Duisburg-Beeck und koordiniere dort dienstags und freitags die Nachmittagslernförderung.

 

2. Was macht dir in der Betreuung der Schülerinnen und Schüler am meisten Spaß?

Als Schulkoordinator sind meine Aufgaben vielfältig. So halte ich den Kontakt zu der Schulleitung, der Sozialpädagogin, dem Lehrerkollegium, mache Anwesenheitslisten und rufe bei Eltern an, wenn ihre Kinder unentschuldigt fehlen. Die Betreuung der Schüler*innen, also der enge Kontakt zu ihnen, das Stellen, Kontrollieren, Korrigieren und Erklären von Aufgaben, übernimmt zum größten Teil mein Team aus Studierenden und älteren Schüler*innen. Ohne sie wäre die Lernförderung schlicht unmöglich und ich bin sehr dankbar, dass es sie gibt. Dennoch habe ich natürlich viele Berührungspunkte mit den Kindern und Jugendlichen. Es ist immer wieder toll, wenn die Kinder zu mir kommen und von den Dingen begeistert erzählen, die sie in ihrem Leben beschäftigen oder wenn sie mir voller Stolz eine gute Note in einer Arbeit zeigen. Das macht mir deutlich, dass die Schüler*innen Vertrauen zu uns haben, uns nicht als strenge Lehrkräfte sehen, sondern als Freund*innen, die ihnen gezeigt haben, dass Lernen auch Spaß machen kann und belohnt wird.

Wenn man schon beim Thema Belohnung ist: Ich bin seit meiner eigenen Kindheit bei den Pfadfindern aktiv. Dort habe ich sehr viele tolle Spiele kennengelernt die ich weitergeben kann. Am Ende jeder Lernförderung dürfen die Kinder auf dem Schulhof spielen, wo ich ihnen auch das eine oder andere Spiel beibringe. Zu sehen, wie viel Freude ihnen die neuen Spiele bereiten, ist für mich sehr erfüllend.

Ich kann und muss mehr für die Gesellschaft tun,
als nur T-Shirts zu falten.

Martin Prenzing

3. Wie sieht deine Zusammenarbeit mit Teach First, apeiros und dem Lehrerkollegium aus?

Leider ist Teach First nicht an meiner Schule und bisher gab es nur wenige Treffen mit apeiros. Aber das wird sicher in Zukunft ausgebaut. Zu dem Kooperationsprojekt „Bildung als Chance“ habe ich dennoch einen guten Bezug, da ich außerhalb der Schule bei BaC-Veranstaltungen und -Treffen teilnehme und aktiv werde. So habe ich beispielsweise bei der großangelegten Netzwerkveranstaltung der Haniel Stiftung im letzten November die Moderation eines Workshops zur Übertragung von Forschungserkenntnissen auf die praktische Arbeit übernommen. Nicht zuletzt durch mein Praktikum in der Haniel Stiftung habe ich sehr viele interessante Aspekte zu BaC kennengelernt und von der Organisationsebene her mitgestalten können.

Zum Kollegium an meiner Schule habe ich vor allem über die Sozialpädagogin und einzelne überdurchschnittlich interessierte und engagierte Lehrende Kontakt. Ich bin ja meist erst in der Schule, wenn die meisten Lehrenden kurz davor sind, heim zu fahren. Die Sozialpädagogin ist eine sehr große Stütze für die Lernförderung. Sie informiert mich immer wieder, wenn irgendetwas in der Schule ansteht, uns etwas betrifft, ist für uns ansprechbar und steht uns mit Rat und Tat zur Seite. Sie ruft auch immer wieder den Lehrenden in Erinnerung, dass es das Chancenwerk an der Schule gibt und dass sie ihre förderbedürftigen Schüler*innen zu uns schicken können. Ich bin ihr zutiefst dankbar. Ohne sie wäre die Lernförderung nicht so erfolgreich an der Schule etabliert wie sie es mittlerweile ist.

 

4. Hat dir der Austausch durch „Bildung als Chance“, z.B. mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von apeiros und Chancenwerk, bereits bei deiner eigenen Arbeit weitergeholfen?

Der Austausch im Rahmen von „Bildung als Chance“ geschieht vor allem bei den von der Haniel Stiftung ausgerichteten Treffen. Dadurch, dass die Kooperationsunternehmen sich dem Problemfeld Bildungschancen auf unterschiedliche Weise nähern, sind mir andere Aspekte bewusster geworden, die mich durchaus in meiner Arbeit beeinflussen. Durch apeiros ist mir das Thema Schulverweigerung präsenter. Ich achte in meinen Anwesenheitslisten nicht mehr nur darauf, wie sich das Anwesenheitsmuster einer*s Schüler*in im aktuellen Monat entwickelt. Ich schaue auch immer mal wieder wie es über längere Zeiträume ausschaut. Ich spreche vermehrt mit einzelnen Schüler*innen über ihre Fehlzeiten. Durch die Fellows bei Teach First ist mir nochmal deutlich geworden, wie wichtig die persönliche Beziehung zu den Schüler*innen ist. Ich achte seitdem bewusster darauf, mir neben den Koordinationsaufgaben Zeit für Einzelne zu nehmen.

 

5. Was wirst du nie vergessen?

Im letzten Winter ist einem Jungen aus der Lernförderung die Schuhsohle abgefallen. Das war wenig verwunderlich, da die ohnehin schon nicht wintertauglichen Schuhe in einem sehr verbrauchten Zustand waren. Alle Versuche den Schuh notdürftig zu reparieren scheiterten, seine alleinerziehende Mutter war arbeiten und daher nicht erreichbar. Schlussendlich erreichten wir einen Verwandten, der ihn abholte. Bei der nächsten Lernförderung präsentierte er uns ganz stolz sein erstes Paar Schuhe, das noch niemand vor ihm getragen hatte. Diese Geschichte hat mir einmal mehr gezeigt, wieviel Glück ich in meinem Leben hatte. Für viele ist es selbstverständlich, dass man regelmäßig was zu essen auf dem Tisch hat oder saubere, ordentliche Kleidung tragen kann. Viele leben mit diesem Bewusstsein ein Leben lang in ihrer heilen Welt, dabei würde ein Blick in jede x-beliebige Schule in Deutschland schon ausreichen, um diese Illusion zu zerstören. Es gibt Probleme. Wir dürfen nicht wegschauen.

Von Haniel Stiftung

Martins Einsatzschule