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Bildungschancen

5 Fragen an... Ina Schuster.

Im Interview erzählt Teach First Deutschland Fellow Ina Schuster von ihrer Arbeit an der Gesamtschule Duisburg-Mitte, berichtet von ihrem Wander-Projekt mit Schüler*innen und erklärt, warum sie als ausgebildete Betriebswirtin lieber im Bildungssektor statt in der freien Wirtschaft tätig ist.

  1. Wie bist du zu Teach First Deutschland gekommen?

Ich habe BWL studiert und bevor ich Fellow bei Teach First Deutschland war, habe ich in der Wirtschaftsprüfung im Bereich Personalentwicklung gearbeitet. Die Arbeit dort war mir allerdings zu administrativ und bürolastig. Ich habe dann nach einem Job gesucht, bei dem man etwas mehr Verantwortung hat, zum Beispiel in einer NGO oder im Bildungssektor. Eines Tages bin ich zufällig in einem Onlineportal auf die Stellenausschreibung von Teach First Deutschland gestoßen. Ich hatte vorher noch nie davon gehört und fand es spannend, durch den Job die Möglichkeit zu haben, für eine Zeit an einer Schule mit dem Stempel „Brennpunkt“ zu arbeiten, an der viele Kinder ganz anders aufgewachsen sind als ich selbst, die zum Teil ganz andere Probleme in der Schule und auch zuhause haben, als ich es selber gewohnt bin. Ich komme aus Solingen im Bergischen Land, wo ich doch ziemlich behütet aufgewachsen und auf ein gutbürgerliches Gymnasium gegangen bin. Deshalb fand ich es interessant, bei Teach First Kindern helfen zu können, die ganz andere Herausforderungen im Leben haben als ich sie früher hatte.

 

  1. Wie sieht ein typischer Arbeitstag von dir an der Schule aus?

Ein typischer Tag von mir an der Schule sieht so aus, dass ich in der Regel mehrere Sprachförderkurse in Deutsch als Zweitsprache unterrichte. In den Gruppen sind meist zehn bis fünfzehn Kinder, mit denen ich parallel zum Regelunterricht lerne. Es gibt mittlerweile keine Willkommensklassen oder Internationale Vorbereitungsklassen mehr. Deshalb findet der Förderunterricht parallel zum Regelunterricht statt, meistens wenn gerade Nebenfächer auf dem Stundenplan stehen. Manchmal arbeite ich auch mit Jugendlichen aus den höheren Klassen an ihren Bewerbungsunterlagen, zum Beispiel für die Berufsschule oder für Ausbildungen. Als ich selbst noch im Personalwesen war, habe ich viele Auszubildende rekrutiert, sodass es für mich spannend ist, auch mal auf der anderen Seite zu helfen. Viele Jugendliche haben keinen Computer zuhause und deshalb ist es für sie eine große Hürde, so eine Bewerbung überhaupt angehen zu können.

Zusätzlich bin ich aktuell an zwei Projekten beteiligt. Ich habe mit zwei anderen Fellows aus Duisburg eine Wander-AG gegründet. Außerdem setze ich noch zusammen mit Lehrerkolleginnen ein Medien-Projekt an der Schule um, bei dem wir Schüler aus dem 9. Jahrgang zu Themen coachen wie Cybermobbing oder den sicheren Umgang mit Social Media. Die Jugendlichen tragen das Gelernte dann weiter an die Klassen 5 und 6.

 

Man kann nicht alle Probleme lösen, die eine Brennpunktschule mit sich bringt. Aber man kann versuchen, den Kindern jeden Tag positive Stunden zu bereiten und ihnen zu zeigen, dass man sie wertschätzt und ihnen helfen möchte.

 

  1. Was ist das Beste an deinem Job?

Das Beste an meinem Job ist, dass man jeden Tag etwas von den Kindern lernt, zum Beispiel über ihre Herkunftskulturen. Es findet also sozusagen ein gegenseitiges Lernen statt - und wir lachen auch viel zusammen. Toll ist auch, dass jeder Tag an der Schule anders ist. Man weiß nie, was am nächsten Tag passiert. Natürlich bereitet man sich auf seine Stunden vor, aber wenn man mit Kindern arbeitet, ist nicht immer alles planbar und das ist auch das Schöne daran. Klar, man kann nicht alle Probleme lösen, die eine Brennpunktschule mit sich bringt, aber man kann zumindest versuchen, den Kindern jeden Tag positive Stunden zu bereiten und ihnen zu zeigen, dass man sie wertschätzt und ihnen helfen möchte.

 

  1. Was sind bei deiner Arbeit Berührungspunkte mit dem Projekt „Bildung als Chance“?

„Bildung als Chance“ ist ja eine Art Dach über den Organisationen Teach First Deutschland, Chancenwerk und apeiros, bei dem die Haniel Stiftung die Kooperation der Organisationen vorantreibt und Projekte unterstützt, die man gemeinsam ins Leben ruft. Bei mir ist das die Wander-AG, die ich gemeinsam mit Laura von der Gesamtschule Meiderich und Maja von der Theodor-König-Gesamtschule gegründet habe. Die Idee ist unter anderem auch durch die regelmäßigen "Bildung als Chance"-Treffen bei der Haniel Stiftung entstanden. Das Projekt ist schulübergreifend und wird von der Haniel Stiftung großzügig unterstützt. Es war ein großer koordinatorischer Aufwand, die AG an drei verschiedenen Schulen tatsächlich realisieren zu können, deshalb sind wir sehr froh, dass es geklappt hat. Sie besteht aus 30 Schülerinnen und Schülern zwischen 14 und 16 Jahren, mit denen zusammen wir am Ende des Schuljahrs eine mehrtägige Wanderung durch die Eifel durchführen wollen. Wir bereiten uns das ganze Schuljahr über darauf vor und die Kinder übernehmen dabei einen Großteil der Planung. Sie haben sich überlegt, wo es hingehen soll und wie viel Strecke man am Tag schafft. Expertenteams kümmern sich jeweils um die Vorbereitung der Ausstattung, um die Ernährung, um die Route oder die Finanzen. Es ist toll zu sehen, was die Schülerinnen und Schüler durch die AG bereits gelernt haben. Der Lebensraumbezug unserer SchülerInnen wird enorm erweitert. Anfangs kamen noch Ideen auf wie von den Fördergeldern drei Tage nach Brasilien zu fliegen oder einen tragbaren Heizofen mit auf die Wanderung zu nehmen, falls es im Zelt kalt wird. Wir lachen also wirklich viel zusammen und "das Lernen" passiert ganz von alleine. Auch Fragen wie ob es im Wald wohl W-Lan geben wird kommen inzwischen nicht mehr.

Einmal im Monat veranstalten wir schulübergreifende AG-Treffen, bei denen sich die Schülerinnen und Schüler zum aktuellen Stand der Dinge austauschen oder wir machen gemeinsame Ausflüge. So lernen sich die Kinder untereinander besser kennen und erhalten auch einen Bezug zu ihrem Lebensraum und ihrer Stadt. Es ist auch ein Treffen bei der Haniel Stiftung geplant, was für die Jugendlichen bestimmt auch sehr spannend wird.

Dadurch dass die Stiftung das Projekt finanziell fördert, können die Kinder komplett kostenlos an der AG und der mehrtägigen Wanderung teilnehmen. Deshalb sind auch viele Schülerinnen und Schüler zum Beispiel aus den Sprachförderkursen dabei, deren Familien sich so etwas sonst nicht hätten leisten können. So wird ihnen eine größere gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht.

 

  1. Was möchtest du nach den zwei Jahren bei Teach First Deutschland machen?

Ich finde den Raum Schule als Arbeitsplatz sehr interessant und schön und arbeite auch wirklich gerne mit den Schülerinnen und Schülern zusammen. Ich sehe allerdings auch viele Aspekte des Schulsystems sehr kritisch, deshalb könnte ich mir als Arbeitgeber auch einen Verein oder eine NGO aus dem Bildungsbereich vorstellen, bei denen man mit der gleichen Zielgruppe arbeiten kann. Ich möchte auf keinen Fall mehr 50 Stunden pro Woche am Schreibtisch sitzen und einen klassischen Bürojob machen. Das kapitalistische Handeln in der freien Wirtschaft und politische Kommunikationswege passen nicht immer mit meinen Wertvorstellungen zusammen. Der Bildungssektor gefällt mir deshalb besser. Der Quereinstieg als Lehrerin ist für mich auch eine Option, wobei ich da erst herausfinden muss, ob das mit einem BWL-Studium überhaupt möglich ist.

 

Von Haniel Stiftung